Vom Spätwinter in den Vollfrühling

Der April 2022 präsentierte sich als typischer Übergangsmonat

Weiß und Grün waren die maßgeblichen Farben im zweiten meteorologischen Frühlingsmonat: Rieselten zum Start noch Flocken vom Himmel und sorgten sogar bis in die Niederungen für eine Schneedecke, standen in der zweiten Hälfte die Obstbäume nach und nach in voller Blüte und zeugten davon, dass der Übergang vom Spätwinter in den Vollfrühling (phänologisch markiert durch den Beginn der Apfelblüte) vollzogen war. Gleichzeitig entfaltete sich langsam das erste frische Grün der Laubbäume. Das begleitende Wetter war zunächst deutlich unterkühlt und trüb, am wärmsten und sonnigsten zeigte sich die zweite Dekade und anschließend wurde es apriltypisch wechselhaft. Unterm Strich war blieb es ein Stück kälter als im Schnitt der vergangenen 30 Jahre, während die Niederschlagsbilanz überwiegend positiv ausfiel und sich die Sonnenscheindauer nahe dem klimatologischen Mittel bewegte.

Mit einer Monatstemperatur von 8,47 °C blieb der April 2022 an der DWD-Station in Bevern um gut ein Kelvin unter dem Mittel der Jahre 1991-2020, während die Abweichung zur älteren Periode von 1961-1990 mit +0,5 K leicht positiv ausfiel – diese Zahlen zeigen die starke Erwärmung des Aprils in den letzten 30 Jahren, die allerdings nicht linear, sondern unter deutlichen Schwankungen mit einzelnen markanten Ausreißern nach oben verlief. Vor allem in den vergangenen 15 Jahren zeigte sich dies an den „Aprilsommern“ 2007, 2009, 2011, mit Abstrichen 2014 und vor allem 2018. Dazwischen und danach tummeln sich aber auch eine Reihe durchschnittlicher bis leicht unterkühlter Exemplare und zuletzt war der April 2021 sogar so kalt ausgefallen wie seit 1977 nicht mehr. Die Spreizung allein in den letzten Jahren betrug fast 6,4 K zwischen dem neuen Rekordhalter 2018 mit 13 Grad und dem letztjährigen mit gerade einmal 6,64 °C. Von solchen Ausschlägen blieb der Jahrgang 2022 zwar weit entfernt, dennoch wurde in der Nacht zum 3. mit -5,0 °C eine der tiefsten Temperaturen in einem April in der Zeitreihe Bevern/Holzminden gemessen. Auf der anderen Seite der Skala steht als wärmster Tag der 13. mit einem Höchstwert von 23,9 °C und einem Tagesmittel über 15 Grad.

Temperaturverlauf mit einem Minimum von -5,0 und einem Maximum von 23,9 °C

An der DTN-Unwetterreferenzstation in Silberborn lag die Monatstemperatur mit 6,62 °C um 0,9 K unter dem dortigen Mittel von 1991-2020, gleichbedeutend mit einem Plus von 0,8 K gegenüber dem älteren Klimawert von 1961-1990. Frostig startete der April auch im Hochsolling, in der Nacht zum 3. ging es bis auf -7,4 °C hinab und an den ersten drei Tagen blieb sogar das Tagesmittel negativ. Die Erwärmung kurz vor Monatsmitte fand ihren Höhepunkt am 13.bei einem Maximum von 21,4 °C und einem Tagesmittel von 15,2 °C. Der vorläufig letzte Frost wurde am 11.  mit -2,1 °C gemessen.  

Zum Vergleich die Daten von der 318 m höher gelegenen Station in Silberborn

Bei den Großwetterlagen gestaltete sich die Lage abwechslungsreicher als noch im klar hochdruckdominierten März. Tiefdruck aus Norden, Nordwesten und Westen prägte die erste Dekade mit regelmäßigen, teils ergiebigen Niederschlägen, die zu Monatsbeginn bis in die tiefsten Lagen als Schnee und Schneeregen fielen. Anschließend brachte eine Drehung der Strömung auf Süd den bereits erwähnten deutlichen Temperaturanstieg – wie schon im März begleitet von Staub aus der Sahara.  Zur Monatsmitte stellte sich die Zirkulation auf Ost um – im Norden Europas hatte sich ein blockierendes Hoch breit gemacht und führte trockene, aber auch wieder kühlere Kontinentalluft zu uns. Neun trockene Tage waren die Folge, bevor es unter Rückdrehung auf Nord wechselhafter mit Niederschlägen wurde, die allerdings meist in Form von lokal unterschiedlich stark ausgeprägten Schauern fielen.

Der vorübergehende Vorstoß warmer Luft aus Süden war erneut mit Saharastaub verbunden,
wie dieses Foto von Annette Mokross vom 13.04. zeigt

Diese durch Kaltluft in ca. 5,5 km Höhe und die stärker werdende Sonneneinstrahlung ausgelöste Konvektion sorgte einerseits für das apriltypische Himmelsbild mit schnellem Wechsel aus tiefem Blau mit Sonnenschein und rasch vertikal mächtiger werdenden Quellwolken, andererseits für eine ungleichmäßige Verteilung der Niederschläge mit ihrem schauerartigen Charakter. Exemplarisch hierfür sei der Tagesniederschlag am 29.04. genannt, als an der Weser an der Station in Lüchtringen 6,7 mm gemessen wurden und im Nordosten in Vorwohle nur 0,7 mm.

Insgesamt wurden die langjährigen Mittelwerte beim Niederschlag in der Region weitgehend erreicht oder sogar übertroffen, zumindest was die Klimawerte der aktuellen Periode 1991-2020 angeht, in der der April deutlich trockener geworden ist als er noch 30 Jahre zuvor war – in Bevern zum Beispiel beträgt der Rückgang knapp zehn Millimeter oder fast 20%. Das sieht auf den ersten Blick nicht dramatisch aus, allerdings fällt dieser Rückgang zusammen mit einem deutlichen Temperaturanstieg und einer ebensolchen Zunahme der Sonnenscheindauer, was die hydrologische Bilanz des Aprils deutlich verschlechtert hat. In diesem Jahr hingegen fiel diese besser aus als es häufig in der jüngeren Vergangenheit der Fall war, allerdings gab es zuvor den rekordsonnigen und äußerst trockenen März. Immerhin ein Teil des Defizits konnte nun im April gebietsweise ausgeglichen werden.

Am Standort Bevern, wo seit Sommer 2006 gemessen wird, war es mit 61,1 mm Monatssumme immerhin der zweitnasseste April nach 2008. Das Mittel der Jahre 1991-2020 wurde um gut ein Drittel übertroffen. Noch ein ganzes Stück mehr war es an der privaten Station des Autors im südlichen Stadtgebiet von Holzminden mit 75,5 mm, was auch durch die Radarsummen des DWD untermauert wird. Etwas südwestlich in Lüchtringen fielen fast 20 mm weniger (56,6 mm), den meisten Niederschlag holte wieder einmal der Betreuer in Hellental aus dem Pott – diesmal 81,0 mm. Allerdings ist hier auch das feuchtere Klima auf 270 m am Solling zu berücksichtigen, das umso mehr für Silberborn auf über 400 m gilt, wo die Bilanz mit 60,5 mm allerdings vergleichsweise dünn ausfiel und das dortige Klimamittel (65 mm) nicht erreicht wurde. Polle meldete 58,9, Hehlen 50,9 und Vorwohle 56,5 mm; Schlusslicht war diesmal Ottenstein mit 47,4 mm.

Niederschlag – dahinter verbarg sich im April überwiegend Regen, aber nicht nur. Schon zum zweiten Mal in Folge gab es bis in die Niederungen zumindest einen offiziellen April-Schneedeckentag (definiert als messbarer Schnee von mindestens einem Zentimeter bei mehr als 50% Bedeckungsgrad der Fläche zum Termin um 07:50 Uhr MESZ), im Solling sogar je nach Lage drei bis vier Tage und mit bis zu zehn Zentimetern wurde es dort sogar vorübergehend noch einmal richtig weiß. Kaum weniger war es in Vorwohle mit neun und in Hellental mit acht Zentimetern, Bevern meldete am Morgen des 1. April immerhin drei.

Spätwinterliche Grüße am 1. April ©A. Mokross

Nach dem Rekord vom März schaltete die Sonne im April einen Gang zurück, wobei sich die erste Dekade äußerst trüb präsentierte mit nur rund 16 Stunden nach zehn Tagen, die zweite hingegen unter Hochdruckeinfluss und trockener Luft eine Reihe von sonnenscheinreichen Tagen brachte.  Nach Monatsmitte blieb es sogar für einige Tage fast wolkenlos mit der um diese Zeit astronomisch maximal möglichen Sonnenscheindauer von etwa 13,5 Stunden, wovon aber messtechnisch und standortbedingt nur 12,9 erfasst werden können. Danach wechselten sich sonnige und wolkenreiche Tage ab. Unter dem Strich schien die Sonne mit rund 176 Stunden geringfügig länger als im Mittel von 1991-2020.

Der Wind war meist schwach bis mäßig, zeitweise auffrischend unterwegs. Ausnahmen gab es am 4. mit Böen bis zu Beaufort 8 und vor allem am 7. mit bis zu Stärke 9, der regionale Spitzenwert an diesem Tag wurde an der Windmessstation des DWD am Tünderanger am Südrand von Hameln mit 97,9 km/h (Bft. 10) gemessen.

Rekordsonnenschein, häufiger Nachtfrost und extreme Trockenheit

Hochdruckdominanz machte den März 2022 zu einem denkwürdigen Wettermonat

Titelfoto: Annette Mokross

Gleich mehrfach wurde in den vergangenen Wochen bundesweite und regionale Wettergeschichte geschrieben: Unter fast durchgängigem Hochdruckeinfluss schien die Sonne im März nicht nur mehr als doppelt so lange wie im langjährigen Mittel, sondern auch länger als einem durchschnittlichen Juli. Ein neuer Trockenheitsrekord wurde erst am allerletzten Tag verhindert, der Luftdruck stieg zwischenzeitlich auf einen der höchsten bisher gemessenen Werte und es herrschte an fast jedem Tag Bodenfrost – der erste meteorologische Frühlingsmonat des Jahres war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Lediglich bei der Mitteltemperatur blieb er weitgehend unauffällig, wobei viele klare und frostige Nächte in Verbindung mit sonnigen Tagen für hohe Differenzen zwischen Tiefst- und Höchstwerten sorgten. Letztere blieben aber deutlich unter dem Rekord vom Vorjahr, als zum Märzfinale mit 25,3 °C erstmals ein meteorologischer Sommertag erreicht wurde.

Mit einer Mitteltemperatur von 5,35 °C erzielte der März 2022 an der DWD-Station in Bevern ein zartes Plus von 0,1 Kelvin gegenüber seinem langjährigen Mittelwert von 1991-2020. Im Vergleich zur älteren Klimareferenz der Periode 1961-1990 betrug die positive Abweichung 1,3 K. Deutlicher wird das Plus auch zum neuen Klimamittel, wenn man die Tageshöchstwerte separat betrachtet: Hier lag der Durchschnitt in diesem März bei 12,6 °C und damit 2,7 K über dem aktuellen 30-Jahresmittel – ein Resultat der vielen gering bewölkten oder sogar wolkenlosen Tage, die mit Frost in der Nacht und am Morgen starteten und mit der ungehinderten Sonneneinstrahlung steile Temperaturanstiege aufwiesen. Der Höchstwert wurde am 23. mit 19,1 °C gemessen, für den ersten „Zwanziger“ reichte es also noch nicht, aber immerhin für eine ungewöhnlich stabil temperierte frühlingshafte Phase in der dritten Dekade mit acht Tagen in Folge mit Höchstwerten um 18 Grad.

Die Anzahl der Frosttage lag mit 21 fast doppelt so hoch wie im langjährigen Durchschnitt (11), dabei blieb es in Bevern bei durchweg leichtem Frost mit einem Tiefstwert von -4,7 °C. In fünf Zentimetern über dem Erdboden gab es sogar nur einen einzigen frostfreien Tag am 27. – ansonsten herrschten Minima bis -6,4 °C.

Immer wieder Frost: An 21 Tagen fiel die Temperatur unter den Gefrierpunkt in 2 m Höhe,
in 5 cm über dem Erdboden sogar an 30 Tagen (hier nicht abgebildet)

An der DTN-Unwetterreferenzstation in Silberborn schloss der März mit einer Monatstemperatur von 4,6 °C um 1,3 K höher ab als im Mittel von 1991-2020 und um 2,5 K über dem Klimawert von 1961-1990 – in Relation zum Ortsklima war es also im Hochsolling um 1,2 K wärmer als im Wesertal. Ursache war die starke Hochdruckdominanz, die wie bereits häufig an dieser Stelle erläutert zu einem überproportionalen Temperaturplus in den höheren Lagen führt, gerade aufgrund der oft weniger starken nächtlichen Auskühlung. So wundert es dann auch nicht, dass die Anzahl der Frosttage in Silberborn mit 15 unter und die mittlere Tiefsttemperatur mit -0,4 °C über der in Bevern (-1,1 °C) lag. Am wärmsten wurde es auch im Hochsolling am 23.; der dort gemessene Höchstwert betrug 16,4 °C.

Die Ursache für die hohen Tagesgänge bei der Lufttemperatur, den Sonnenscheinrekord und die vielen trockenen Tage findet sich eindrucksvoll beim Blick auf die Großwetterlagen des Monats: Hochdruck mit Nordströmung, Hochdruck über Mitteleuropa, Hochdruck mit Südströmung, Hochdruck mit Südostströmung und schließlich Hochdruck mit Nordwestströmung.  Dabei wurde am 19. mit 1.046,4 hPa einer der höchsten je in unserer Region registrierten Luftdruckwerte (reduziert auf Meereshöhe) gemessen, in Schleswig-Holstein gab es sogar neue Luftdruckrekorde von bis zu fast 1.050 hPa. Der deutschlandweite Rekord liegt mit 1.060,8 hPa allerdings noch deutlich höher, er wurde 23. Januar 1907 an der Station Greifswald im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern gemessen.

Großwettertypen (GWT) im März 2022: Lediglich hinter den Süd- und Nordlagen verbergen sich auch einige Tage mit zyklonaler Prägung

Tiefdruck wurde lediglich zweimal vorstellig: Zur Monatsmitte näherte sich von Westen ein weit nach Süden ausgreifender, hochreichender Trog, der mit südlicher Strömung zunächst die ersten leichten Niederschläge des Monats heranführte und anschließend Staub aus der Sahara, der für eine Trübung des Himmels und beeindruckende Fotomotive sorgte. Dieses Phänomen wurde in den letzten Jahren bei Südlagen im Frühjahr mehrfach beobachtet, und wenn wie am 17. März noch Niederschlag hinzukommt, wird dieser in den Medien gern als Blutregen bezeichnet.

Beeindruckende Farben am Abendhimmel zur „blauen Stunde“ am 17.03.,
verursacht durch Staub aus der Sahara. Foto: Annette Mokross

Die zweite Ausnahme bedeutete bei rückblickender Betrachtung das Ende der Hochdrucklage am zum Monatswechsel, als sich das zuvor dominierende Hochdruckgebiet nach Norden zurückzog und an seiner Südostflanke den Weg frei machte für Kaltluft aus Nordosten mit Wolken und Niederschlag, der in der Nacht zum 1. April (die bei diesem Parameter bis 07:50 MESZ noch zum März gehört) bis in die Niederungen in Schnee überging.

Erst durch diese sehr späten Tropfen und Flocken wurde quasi in den letzten Stunden des März ein neuer Trockenheitsrekord verhindert. Der 31. war erst der vierte Niederschlagstag des Monats und die zur Monatsmitte gefallenen Mengen waren mit wenigen Millimetern äußerst gering geblieben. Am Ende war es an der Station in Bevern mit 10,7 mm nach 2011 (8,2) und 1936 (10,0) der dritttrockenste März seit Aufzeichnungsbeginn. Vom 30-Jahres-Mittel wurden nicht einmal 18% erreicht. Auch im Hochsolling blieb es mit 17,2 mm in Silberborn außergewöhnlich trocken, dort finden sich (Messbeginn 1937 in Torfhaus) nur 1984 und 2011 noch geringere Niederschlagsmengen im März. Das dortige Klimamittel von 87 mm wurde fast genauso deutlich verfehlt (19,8%). Auch die weiteren Messgefäße im Umkreis brachten kaum Nass hervor: Hellental meldete 17,1 mm, Lüchtringen 11,4, Polle 10,8, Amelith 9,4, Vorwohle 8,3 und Ottenstein 8,0 mm. Schlusslicht war Hehlen mit 7,6 mm.

Nur an vier Tagen fiel etwas Niederschlag im drittrockensten März seit Aufzeichnungsbeginn

Bei so viel Hochdruck verwundert es nicht, dass der Wind, anders als im stürmischen Februar, keine Rolle spielte und selbst die stärksten Böen in den höheren Lagen nur kurzzeitig einmal Stärke 7 erreichten. Ansonsten blieb es bei Böenstärke 4-6 und der Mittelwind lag meist bei Beaufort 2-3.

Bereits vorab berichtet wurde über den neuen Sonnenscheinrekord in der TAH-Ausgabe vom 30.03. Drei Tage vor Monatsende waren mit 228 Stunden bereits fast 200% des langjährigen Mittelwerts erreicht, und entgegen manchen Vorhersagen gab es am 29. und 30. noch weitere zwölf Sonnenstunden, so dass die neue Rekordmarke bei gut 240 Stunden steht – ein zuvor schlicht nicht vorstellbarer Wert in einem März. Selbst der sonnigste Monat, der Juli, bringt es im Mittel nur auf 205 Stunden in unserer Region, ein durchschnittlicher März gerade mal auf etwas über 116 Stunden und der bisherige Rekord aus dem Jahr 2011 lag mit 183 Stunden um über 57 Stunden tiefer.

Die bisherige Y-Achse hätte nicht ausgereicht, den neuen Sonnenscheinrekord abzubilden.
Im März 2022 gab es gut 35 Stunden mehr als in einem durchschnittlichen Juli.

Und noch etwas Interessantes fördert der Blick in die Historie zu Tage: In den letzten 30 Jahren – das ist bereits der sonnigste Zeitraum seit Messbeginn – wurde nur in der Hälfte der Jahre ein höherer Wert als die im März erzielten 240 Stunden gemessen. Statistisch betrachtet liegt der Monat mit dem meisten Sonnenschein des Jahres mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% also bereits hinter uns…

Eine weitere Farbfacette des Sonnenuntergangs am 17. März © A. Mokross

Ein vom Winde verwehter Wintermonat

Der Februar 2022 war stürmisch, mild und sehr nass / Sechstwärmster Winter seit Aufzeichnungsbeginn

„Von Winter kaum eine Spur“ lautete die Überschrift der vorläufigen Februarbilanz des Deutschen Wetterdienstes am vergangenen Montag – und was die Pressestelle in Offenbach für ganz Deutschland formuliert hatte, gilt ebenso als Fazit für das regionale Wetter im dritten und letzten meteorologischen Wintermonat. In den Niederungen fand sich auch bei wohlwollender Betrachtung keine Spur von Winter, lediglich ein paar schüchterne Schneeflecken in den höheren Lagen erinnerten gelegentlich an die offiziell geltende Jahreszeit. Turbulent ging es dennoch zu in diesem Februar, denn gleich mehrere Sturmtiefs fegten über den Landkreis hinweg und hielten die Einsatzkräfte in Atem. Sie brachten nicht nur Windgeschwindigkeiten bis Stärke 11, sondern auch jede Menge Regen mit und sorgten für Niederschlagssummen, die gebietsweise das Doppelte des langjährigen Durchschnitts erreichten. Dank einer Umstellung zu wolkenarmem Hochdruckwetter am Monatsende fiel die Sonnenscheinbilanz noch ausgeglichen aus.

Die Sonne tat sich auch im Februar lange schwer, bevor sie sich zum Monatsende besser durchsetzen konnte © A. Mokross

Da die Unwetter auch vor der DWD-Station in Bevern nicht Halt machten und es ab den Morgenstunden des 17.02. zu einem gut viertägigen Ausfall der Messwerte kam, musste bei der Berechnung der Monatswerte auf Messungen von Nachbarstationen und Radardaten zurückgegriffen werden. Demnach war es mit einer Monatsmitteltemperatur von 5,5°C um 3,1 Kelvin wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020, gegenüber der älteren Klimanorm von 1961-1990 betrug das Plus sogar über 4,1 K. Damit war es der fünftwärmste Februar in der Region seit Beginn der Beobachtungen, ähnlich mild war es in weiteren drei Jahrgängen. Sieben dieser acht Fälle stammen aus den Jahren ab 1990, davor gab es nur 1961 einen Februar, der in diese Temperaturregionen vorgestoßen war.

Das Außergewöhnliche in der Temperaturbilanz waren diesmal nicht die Höchstwerte wie im vergangenen Jahr, als es mit 19,3 °C noch einen neuen Allzeitrekord im Februar gegeben hatte – das diesjährige Maximum nahm sich mit 13,9 °C dagegen recht bescheiden aus. Auffällig war vielmehr das ungewöhnlich hohe absolute Minimum, das mit -2,9 °C lediglich im leichten Frostbereich landete. Im Januar ging es sogar nicht unter -2,4 °C, damit gab es bisher nur zwei Jahre in der lokalen Wetterhistorie, die per Ende Februar ein noch höheres Minimum aufweisen: 1974 und 1988. Dazu passt die Kältesumme (Summe der negativen Tagesmittel) von 0,0 für den Februar, während die Grünlandtemperatursumme (GTS) per 28.02. bereits gut 181 Kelvin betrug – ab 200 ist der nachhaltige Vegetationsbeginn von Wiesen und Weiden erreicht.

Morgenstimmung an der Weser Mitte Februar © A. Mokross

So schnell geht es in den Hochlagen des Sollings zwar noch nicht mit dem Einzug der Vegetation, aber auch dort wird ein außergewöhnlich milder und vor allem unwinterlicher Februar bilanziert. Mit einer Mitteltemperatur von 3,1 °C war die Abweichung zum lokalen Klimawert an der Station in Silberborn auf 428 m zwar nicht ganz so hoch (+2,7 K), dennoch reichte es zum immerhin achtwärmsten Februar seit Beobachtungsbeginn im Hochsolling 1937. Die Unterschiede im „Ranking“ gehen auf die jeweils vorherrschenden Wetterlagen zurück, Faustregel: Dominiert Tiefdruck, ist es relativ betrachtet etwas kälter am höher gelegenen Standort, bei Hochdruck ist es umgekehrt. Da der Februar 2022 vorwiegend unter Tiefdruckeinfluss stand, war die Differenz zwischen Hochsolling und Wesertal also noch etwas größer als im Durchschnitt.

Auch in Silberborn war auffälligste Merkmal in diesem Monat die nahezu vollständige Abwesenheit von Winterwetter. Weder ein Dauerfrosttag noch ein Tag mit negativem Tagesmittel wurde erreicht, auch hier lag die Kältesumme bei 0,0. Was auf den ersten Blick unspektakulär aussehen mag, ist tatsächlich ein Novum in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen im Hochsolling vor 85 Jahren: Zum ersten Mal wurde im Februar kein Tag mit einer negativen Tagesmitteltemperatur registriert!

Und zum Leidwesen der Wintersportfans, egal ob Klein oder Groß, hieß es zudem auch noch: Ski und Rodel unmöglich. Nur für ein paar Tage mit dünner, durchbrochener Schneedecke reichte es in Silberborn, ein offizieller Schneedeckentag hingegen wurde nicht beobachtet – auch das gab es nach Durchsicht aller vorliegenden Unterlagen zuvor noch nie in einem Februar im Hochsolling.

Ursache der sehr milden Witterung waren atlantisch geprägte Westwetterlagen, die den Februar bis kurz vor Schluss dominierten. Bereits vor zwei Jahren hatte es eine persistente Westlage im Februar gegeben, die sogar noch mehr Regen brachte als in diesem Jahr. Doch auch die aktuellen Mengen können sich sehen lassen und sorgten zumindest für einen teilweisen Ausgleich des in den letzten Monaten aufgelaufenen Defizits. In Bevern kamen ca. 118 mm zusammen – fast genau doppelt so viel wie im langjährigen Mittel seit 1991. In Silberborn wurden 148,3 mm (181%) gemessen, in Amelith 148,0, in Holzminden 120,4, in Lüchtringen 124,5, in Polle 120,5, in Hehlen 114,9 und in Vorwohle 105,5 mm. Schlusslicht war diesmal Ottenstein mit 93,1 mm; Spitzenreiter wieder einmal Hellental mit 154,0 mm. Dabei gab es an mehreren Standorten mehrfach Tageswerte von über 20 mm. Entsprechend trat die Weser in der zweiten Monatshälfte deutlich über ihre Ufer – die erste Hochwasserlage seit März 2020.

Tiefs aus Westen brachten viel Regen mit und ließen die Weser erstmals seit fast zwei Jahren
wieder über ihre Ufer treten © A. Mokross

Die Sonne machte sich wie schon in den Vormonaten lange rar, zumindest die erste Dekade stand diesen in Sachen Trübnis nicht nach. Doch ein Zwischenhoch am zweiten Wochenende sowie eine grundlegende Umstellung der Großwetterlage hin zu Hochdruckwetter kurz vor Monatsende bescherte zweimal zwei Tage mit nahezu ungestörtem Sonnenschein – zusammen mit den vereinzelten Sonnenstunden an einigen anderen Tagen reichte dies sogar noch für eine ausgeglichene Bilanz auf dem Niveau des Klimawerts von rund 68 Stunden.

Frostig, aber deutlich sonniger als zuvor präsentierte sich das Monatsende © A. Mokross

Beim Blick in die Februar-Historie fällt immer wieder das Jahr 1990 ins Auge: Einerseits wegen des bis heute mit Abstand gültigen Temperaturrekords von fast 7 Grad Monatsmittel, damals noch in Holzminden gemessen, andererseits wegen der markanten Sturm- und Orkanserie, die damals auch unsere Region erschütterte. Ganz so wild trieben es die Sturmtiefs dieses Februars zwar nicht, dennoch kam es zu einer Reihe von Sachschäden, umgestürzten Bäumen und gesperrten Straßen. Personenschäden blieben zum Glück nach den vorliegenden Informationen aus. Zeitweise galt die höchste Warnstufe des DWD vor Orkanböen. Die stärksten Böen brachten die Zyklonen „Ylenia“ mit bis zu 106 km/h (Beaufort 11) an der Windstation Northeim-Stöckheim am Morgen des 17.02. und „Zeynep“ mit bis zu 107 km/h in Hameln und Warburg am Abend des 18.02., dabei wurde in Alfeld (Station in Gerzen seit 2007) mit 106 km/h ein neuer Rekord aufgestellt. „Antonia“ ließ es dann in der Nacht zum 21.02. mit Stärken von 8-10 schon etwas weniger ruppig angehen, anschließend lief die Tiefdruckserie langsam aus. Inwieweit die Wälder der Region, insbesondere im Solling, größere Schäden davongetragen haben, muss in den nächsten Wochen noch analysiert werden.

Eine Serie von Stürmen fegte mit bis zu Stärke 11 zwischen dem 16. und 22. Februar über die Region hinweg © A. Mokross

Winterbilanz: Sehr mild, kaum Schnee

Mit dem Februar endete der meteorologische Winter 2022 und er war gemessen und eingeordnet nicht anders als gefühlt: So gut wie nicht vorhanden. An der Station Bevern reichte es für genau einen Schneedeckentag am 21. Januar, in Silberborn waren es zwar elf, aber kaum einmal zusammenhängend. Mehr als knapp zehn Zentimeter waren selbst dort in der Spitze nicht drin und auch das nur für wenige Stunden. Die Zahl der Frosttage war mit 29 in Bevern erneut deutlich unterdurchschnittlich (Mittel: 44). In Silberborn gab es mit 46 Tagen Frost ebenfalls klar weniger als im Durchschnitt (61), Dauerfrost herrschte an ganzen drei Tagen im Dezember (Winterschnitt: 24) und damit sogar noch einen Tag weniger als in Bevern (Schnitt: elf). Auch die Kältesummen waren mit 17,9 K in Bevern ungewöhnlich und mit 27,7 K in Silberborn sogar außergewöhnlich niedrig.

Die Mitteltemperatur des Winters erreichte in Bevern etwas über 4,4 °C, das entspricht einem Plus von gut 2,1 K gegenüber dem Klimawert 1991-2020 bzw. fast 3,3 K gegenüber dem älteren Mittel von 1961-1990. Damit war es im Oberwesertal der sechstwärmste Winter seit Aufzeichnungsbeginn. Silberborn meldet den siebtwärmsten Winter mit einer Temperatur von 2,25 °C, was einem Plus von gut 1,9 bzw. 3,1 K gegenüber den dortigen Klimawerten entspricht.

Die Niederschlagsbilanz fällt aufgrund des sehr nassen Februars verbreitet etwas überdurchschnittlich aus: Bevern erreichte mit 218,3 mm 102% seines Mittels von 1991-2020, in Silberborn waren es mit 300,5 mm gut 106%.  Auch an den meisten anderen Messstellen der Region gab es ein leichtes Plus von bis zu 10%, die Ausnahme bildet Ottenstein im Nordwesten des Kreises, wo nur 181,4 mm fielen und der lokale Klimawert um rund 15% verfehlt wurde.

Bei der Sonnenscheindauer blieb trotz des ausgeglichenen Februars am Ende ein deutliches Minus: Mit knapp 104 Stunden wurden nur 70% des langjährigen Durchschnitts von 148 Stunden erreicht. Immerhin zeigt nun sowohl die erfolgte Umstellung der Wetterlage zu mehr Hochdruck und trockenerer Luft als auch die jahreszeitliche Entwicklung an, dass die dunkelsten und trübsten Tage hinter uns liegen.

… und es werde Licht! © A. Mokross

Kaum Schnee und ganz wenige lichte Momente

Der Januar 2022 war sehr mild, zu trocken und äußerst trüb

Ein nicht enden wollender November oder einfach ein Wintermonat, wie er mittlerweile normal geworden ist? Wie man es auch bewerten mag, im Ergebnis war der Januar 2022 in der Region deutlich mehr herbst- als winterlich, auch wenn sich sogar mal ein Schneedeckentag bis in die Niederungen verirrt hatte – einer wohlgemerkt. Und selbst im Hochsolling wurde es nur selten weiß, so dass Fans von Schnee und Eis nur noch die Hoffnung auf den Februar bleibt, während andere bereits den Frühling herbeisehnen nach einem weiteren Monat mit sehr viel Grau am Himmel und so wenig Sonnenschein wie kaum einmal seit Beobachtungsbeginn. Dazu bilanziert der Januar als sehr mild bei unterdurchschnittlichen Niederschlagssummen.

Doch, da geht der Hund vor die Tür… © A. Mokross

Mit einer Monatsmitteltemperatur von 4,17 °C war der Januar 2022 an der DWD-Station in Bevern um gut 2,3 Kelvin wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020. Gegenüber der älteren Klimanorm von 1961-1990 betrug das Plus sogar fast 3,8 K. Doch solche deutlichen Abweichungen nach oben sind mittlerweile nicht mehr außergewöhnlich, allein zwei der vier vorausgegangenen Januarmonate waren noch milder, in der Gesamtbilanz seit 1935 landet der 2022er auf Rang elf. Neben dem rekordwarmen Start mit einem Tageshöchstwert von 14,6 °C an Neujahr fällt auch das Monatsminimum von -2,4 °C auf – nur 2018 lag dieser Wert am Standort Bevern mit -1,8 °C noch etwas höher.  Ursache damals wie heute: Neben kalten Luftmassen fehlte es aufgrund der meist geschlossenen Bewölkung an nächtlicher Ausstrahlung. Auch die Kältesumme von nur 1,2 K war ungewöhnlich niedrig, die Anzahl der Frosttage mit zehn zwar weniger auffällig, aber klar unter dem langjährigen Schnitt von 16. Dauerfrost gab es anders als im Dezember gar nicht in Bevern.

Wer diesen suchte, wurde auch weiter oben nicht fündig, denn selbst auf 430 m an der Hochsolling-Wetterstation in Silberborn reichte es nicht für einen Eistag. Dort standen 17 Frosttage mit einem Minimum von -3,3 °C zu Buche – ein für diesen Standort ebenfalls ungewöhnlich hoher Monatstiefstwert. Die Mitteltemperatur lag mit 1,8 °C um knapp 2 Kelvin über dem Schnitt von 1991-2020 und 3,4 K über dem von 1961-1990; die Kältesumme betrug lediglich 4,3 K. Zum Vergleich: Diese Kennziffer für die Strenge eines Winters, bei der die negativen Tagesmittel addiert werden, hatte im moderat kalten Januar 2017 in Silberborn bei 84,7 K und im oft eisigen Januar 1996 bei 143,0 K gelegen.

Wie kam nun dieser milde, wenig frostige und sehr trübe Monat zustande? Ein Blick auf die Großwetterlagen gibt Aufschluss: Prägend für die Witterung war meist eine Hochdruckanomalie westlich von uns, mal mit Schwerpunkt über Westeuropa, mal über dem nahen Ostatlantik, mal über den Britischen Inseln und mal weitete es sich auch nach Mitteleuropa aus. Je nach genauer Lage des Hochs lagen wir entweder unter einer austauscharmen „Glocke“ mit mäßig kalter Grundschicht und hochnebelartiger Wolkendecke oder im Zufluss milder und wolkenreicher Nordseeluft. Die wärmste Phase zu Monatsbeginn dagegen rührte aus einer Südwestlage, die sich kurz vor dem Jahreswechsel eingestellt und für neue Temperaturrekorde gesorgt hatte. Danach dominierten West- und Nordwestlagen. Nord- und Ostlagen blieben hingegen völlig aus und damit auch der Hochwinter, der in aller Regel nur aus diesen beiden Richtungen Einzug halten kann.

Hochdruckrandlagen, aber auch ab und zu durchziehende Fronten aus Westen und Nordwesten sorgten dafür, dass die Niederschlagsbilanz nicht ganz so bescheiden ausfiel wie in den Vormonaten. Die langjährigen Mittelwerte wurden aber auch im Januar verfehlt, wobei es weniger an den Niederschlagstagen mangelte, die meist bei 21 lagen, sondern an Intensität und Dauer. So lag das 24-stündige Maximum in Bevern bei nur 7,6 mm und an lediglich zwei Tagen wurde die Marke von 5 mm überschritten. In Silberborn sah das zwar schon etwas anders aus, dort waren es neunmal 5 mm oder mehr und die Spitze lag bei gut 13 mm am 27. Januar. Für das Erreichen des Klimamittels reichte es aber auch im Hochsolling nicht, die gemessenen 87,4 mm entsprachen ca. 83% des Durchschnitts von 1991-2020, der gegenüber der älteren Periode von 1961-1990 um rund 12% gestiegen ist.

Von den weiteren Stationen im Umkreis wurden folgende Monatssummen gemeldet: Bevern und Lüchtringen kamen auf 57,1 und 57,4 mm, am trockensten war es diesmal in Ottenstein mit 46,9 mm, in Hehlen fielen 52,0 mm, in Polle 62,8 mm, in Vorwohle 67,6 und in Amelith 87,6 mm. Spitzenreiter war einmal mehr Hellental mit 97,4 mm, doch selbst dieser Wert dürfte noch etwas unter dem dortigen langjährigen Klimamittel liegen, das aufgrund der erst im Herbst 2018 an diesem Standort begonnenen Messungen nur geschätzt werden kann.

In den meisten Fällen fiel der Niederschlag als Regen, an wenigen Tagen war er in den Niederungen mit Schnee vermischt, einmal war es sogar der reine Schnee, der am Morgen des 21. auch an den tief gelegenen Stationen zu einer Schneedecke zwischen 2 cm in Hehlen und 5 cm in Bevern und Lüchtringen führte. Dort blieb es der einzige Tag mit offizieller Schneedecke, während Polle, Ottenstein, Vorwohle und Hellental immerhin drei davon schafften. Spitzenreiter in dieser Kategorie war erwartungsgemäß Silberborn, doch mit fünf Tagen und einer maximalen Höhe von 8 cm wurden auch im Hochsolling wahrlich keine Winterbäume ausgerissen. Zum Vergleich: Im Januar 2017 lag dort im gesamten Monat Schnee von bis zu 35 cm, im vergangenen Jahr an 28 Tagen bis 15 cm und selbst im sehr milden Januar 2018 gab es nach Abzug des Orkans Friederike einen kurzen, aber kräftigen Gruß von Frau Holle mit bis zu 40 cm an den Ortsrändern. Vor zwei Jahren hingegen hatte es nicht einmal für einen offiziellen Schneedeckentag im Januar gereicht – es geht also auch im Hochsolling noch unwinterlicher als in diesem Januar.

Schneereichster Tag war der 21. Januar, hier mit Blick Richtung Reileifzen vom Heidbrink aus © A. Mokross

Noch ein Stück trostloser verlief die Suche nach Sonnenschein in der Region. Ob es überhaupt schon einmal einen noch trüberen Januar mit geringerer Sonnenscheindauer seit Messbeginn 1951 in der Region gegeben hat, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Vielleicht waren es 1953 und 1960 noch einige Minuten weniger, doch unzweifelhaft sortiert sich der Januar 2022 mit seinen nicht einmal 13 Stunden am untersten Rand ein und verfehlte dabei sein Klimamittel um 33 Stunden oder satte 72%. Der höchste Tageswert lag dabei gerade einmal bei knapp vier Stunden. Nachdem schon der Dezember sehr trüb ausgefallen war, steuert der meteorologische Winter 2022 nach zwei Dritteln auf einen der sonnenscheinärmsten seit Aufzeichnungsbeginn zu, wobei sich daran im Februar mit der nun spür- und messbar zunehmenden lichten Tageslänge noch einiges ändern kann – zumindest dann, wenn die Wetterlage mitspielt. Darüber lässt sich derzeit allerdings nur spekulieren.

Der Wind hatte anders als in den Vormonaten diesmal das eine oder andere Wörtchen mehr mitzureden, wenn Tiefausläufer aus Westen oder Nordwesten über die Region hinwegzogen. Dabei traten abhängig von Höhe und anderen Faktoren wie freier Lage oder Bebauung an mehreren Tagen Böen bis zu Stärke 7 auf, am 3. Januar auch bis Stärke 8. Am ruppigsten waren die Böen von Tief Nadja am 29.01. mit gebietsweise bis zu Stärke 9. Der höchste Wert in der weiteren Umgebung wurde am DWD-Standort in Stöckheim im Naturschutzgebiet Leineniederung Salzderhelden zwischen Einbeck und Northeim mit 82,1 km/h gemessen, ansonsten zwischen 67 und 76 km/h. Kein Vergleich allerdings zu den Küsten von Nord- und Ostsee, wo die Spitzenböen verbreitet Stärke 11 (ab 103 km/h) erreichten, auf den Inselstationen in List auf Sylt und Arkona auf Rügen Stärke 12 mit etwas über 118 km/h und auf der offenen See sogar bis über 140 km/h.

Einen der seltenen Momente, in denen sich die Sonne zeigte, hat Annette Mokross am 30. Januar eingefangen

Als Kälte länger als nur ein paar Tage regierte

Vor 25 Jahren ging eine außergewöhnlich kalte Phase zu Ende

Im Februar 2021 reichte gut eine Woche mit Dauerfrost und Schnee für eine der winterlichsten Phasen in den letzten Jahrzehnten, doch nur wenige Tage später ging es bereits in Richtung neuer Wärmerekorde. Und nach dem kältesten April seit über 40 Jahren und einem insgesamt kühlen Frühjahr folgte der Konter in Form des zweitwärmsten Junis seit Aufzeichnungsbeginn. Zwei Beispiele dafür, dass es auch in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels immer wieder auch einmal für Ausschläge hin zur kalten Seite reicht – diese aber meist recht kurze Episoden bleiben. Auffällig niedrige Jahrestemperaturen finden sich hingegen nur wenige seit 1988 – mit zwei Ausnahmen: 2010 und vor allem 1996. Kältestes Jahr seit 1963, kältester Winter seit 1970, kein kühlerer Sommer mehr seither – vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert konnte man letztmals ein echtes „Kaltjahr“ bilanzieren. Genauer gesagt waren es gut 13 Monate von Dezember 1995 bis Januar 1997. Ein Rückblick aus der Perspektive 25 Jahre danach.

Beginnen soll die Reise in die Vergangenheit im Jahr 1987. Bis dahin waren weder kalte Winter noch kühle Sommer eine Seltenheit, wochenlange Schneedecken im Winter in den Höhenlagen des Sollings keine Ausnahme – im Gegensatz zu warmen Sommern wie 1976 und 1983. Letzterer galt damals sogar „Jahrhundertsommer“. 1987 zog noch einmal alle Register dieses aus heutiger Sicht „alten Klimas“ mit einem eisigen Januar und dem kältesten März seit Aufzeichnungsbeginn sowie ausgesprochen kühlem Frühjahr und Sommer – allesamt bis heute nicht mehr erreichte Werte. Doch mit dem meteorologischen Herbst 1987 begann die nachhaltige Erwärmung unseres Klimas, zunächst am spürbarsten mit den drei Mildwintern 1988-1990, mit Beginn der 1990er Jahre auch mit zunehmend häufigeren Hitzephasen im Sommer, die in den Hochsommern 1994 und 1995 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatten. Auch der Winter dazwischen war ausgesprochen mild, und auch wenn die ersten Dezemberwochen 1995 vergleichsweise kalt verliefen, schien mit einem anschließenden Temperaturanstieg auf bis zu zehn Grad das übliche Weihnachtstauwetter seinen Lauf zu nehmen. Doch es sollte anders kommen…

Nach der vorübergehenden Milderung vor Weihnachten wurde es schnell kälter, im Solling stellte sich leichter Dauerfrost ein, der sich nach den Feiertagen bis in die Niederungen ausweitete und über den Jahreswechsel hinaus anhielt. Eine Milderung nach Dreikönig hatte keinen Bestand und in der zweiten Monatshälfte sackten die Temperaturen erneut ganztägig unter dem Gefrierpunkt. Doch auf Schnee mussten Winterfans bis kurz vor Monatsende warten, bis dahin war der Januar 1996 nahezu trocken verlaufen. Mit den Niederschlägen vom 25. und 26. bildete sich eine Schneedecke von einigen Zentimetern aus, die in den tieferen Lagen im Laufe des Februars zeitweise taute und sich wieder erneuerte, im Solling hingegen auf bis zu 52 cm kurz vor Februarende anwuchs und sich noch vier weitere Wochen halten konnte. Erst nach dem kalendarischen Frühlingsbeginn war es vorübergehend grün in Silberborn, ein letzter Wintergruß mit erneuter Schneedecke im Solling folgte von Ende März bis in die ersten Apriltage.

Der Winter 1995/1996 war mit einer Mitteltemperatur von -1,8 °C im Oberwesertal (offiziell gemessen wurde damals in Boffzen) um glatt 3,0 K kälter als das damals gültige Klimamittel der Jahre 1961-1990, bezogen auf das heutige, 30 Jahre jüngere Mittel, beträgt die Abweichung sogar -4,1 K. In Silberborn wurden -3,3 °C gemessen, was einem Minus von 2,5 bzw. 3,6 K gegenüber den dortigen Klimawerten entspricht. Relativ gesehen war es im Hochsolling also ein halbes Grad weniger kalt in jenem Winter, wofür die vorherrschenden Hochdrucklagen verantwortlich waren, die für noch kältere Nächte im Wesertal sorgten als weiter oben – ein Effekt, der im Winterhalbjahr bei Hochdruckwetter häufig auftritt.

Eistage im Jahr 1996

Damit war der Winter 1996 in der Region der kälteste seit 1970 – und blieb es mit Abstand bis heute. Er stellte keine Rekorde auf, weder bei den Temperaturen noch bei der Schneehöhe – sein besonderes Merkmal war die ausdauernden und fast durchgängig niedrigen Temperaturen. Milde Tage ließen sich an zwei Händen abzählen, alle drei meteorologischen Wintermonate schnitten deutlich unter ihren langjährigen Durchschnittswerten ab. Dass es in den Niederungen nicht zu größeren Schneemengen reichte, lag vor allem an der Niederschlagsarmut im Zuge der vielen Hochdrucklagen. Der Januar war einer der trockensten seit Beobachtungsbeginn und zugleich der bis dahin sonnigste. Im nasseren Februar war es in den Niederungen oft etwas zu warm für festen Niederschlag, während die Schneedecke im Solling auf über einen halben Meter wachsen konnte.

Abweichungen des Winters 1995/96 von der Klimanorm 1961-1990 Quelle: mtwetter.de
Damals war’s: Eis auf der Weser bei Lüchtringen, eingefangen von Dieter Telp

Und diese außergewöhnliche Zirkulation scherte sich auch nicht um den meteorologischen Frühlingsbeginn: Trockenes und kaltes Hochdruckwetter mit Ost- und Nordlagen prägte auch den März und große Teile der ersten Aprilhälfte. Der März blieb mit nur 1,8 °C im Oberwesertal und -0,6 °C in Silberborn um jeweils über 2 K kälter als im Mittel und bis Monatsmitte brachte auch der April regelmäßig Frost.

Doch mit der zweiten Aprilhälfte schien der Bann gebrochen und eine Drehung der Strömung auf Südwest sorgte für einen deutlichen Temperaturanstieg auf frühsommerliches Niveau: Hatte es an der Station Boffzen am 12. April nicht einmal für fünf Grad Höchsttemperatur gereicht, waren es fünf Tage später bereits fast 20 Grad und ab dem 20.04. gab es sogar die ersten meteorologischen Sommertage mit bis zu 27 Grad. In Silberborn blieb es mit bis 24,5 °C nur knapp unter dieser Marke. Dazu war der April deutlich zu trocken und recht sonnig. War das die Trendwende in Sachen Temperatur?

Mitnichten. Mit einer erneuten Umstellung der Großwetterlage endete nun die Hochdruckdominanz, es wurde nasser und trüber. Mit nur 111 Stunden war der Mai einer der sonnenscheinärmsten seit Messbeginn, dazu blieb er mit 11,5 °C unten und 9,0 °C oben ein kühler Geselle. Blieb also noch die Hoffnung auf den Sommer…

Und der drehte nach kurzer Fehlzündung schnell hochtourig und brachte bereits zum Ende der ersten Junidekade die beiden ersten heißen Tage. Allein: es sollten die einzigen des gesamten Sommers und auch Jahres bleiben. Schon vor Monatsmitte übernahmen wieder die hartnäckigen Nordlagen die Wetterregie für mehrere Wochen. In Silberborn musste kurz nach dem kalendarischen Sommerbeginn sogar hart mit der 10-Grad-Marke gekämpft werden – bei den Höchstwerten wohlgemerkt.

Der Juli fiel selbst für damalige Verhältnisse mit nur 16,3 °C im Wesertal und nicht einmal 14 °C im Hochsolling ungewöhnlich kühl aus, während der August durchaus seine sommerlichen Phasen hatte und zum mit Abstand wärmsten Monat des Jahres avancierte. Den Gesamtsommer hievte er mit 16,6 bzw. 14,3 °C sogar noch auf das Niveau des Klimamittels 1961-1990. Bis heute blieben dennoch nur drei weitere Sommer (1998, 2000 und 2005) ähnlich niedrig temperiert, kühler war seither keiner mehr. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert der letzten 15 Jahre ist auf 18,1 °C am heutigen DWD-Standort in Bevern und 15,9 °C in Silberborn angestiegen, und die heißesten Sommer 2003 und 2018 waren jeweils über drei Grad wärmer als 1996. Auch die geringe Anzahl der heißen Tage (2 bzw. 0) sowie Sommertage (20 bzw. 9) wurde seither nicht mehr unterboten.

Heiß wurde es fast gar nicht im Sommer 1996 Quelle: https://www.mtwetter.de/

Der September wird gern auch als Mai des Herbstes bezeichnet und laut Bauernregel zeigt der Mai bereits das Septemberwetter an. Wissenschaftlich ist das zwar nicht haltbar, aber für das Jahr 1996 traf es durchaus zu: Auf einen kühlen Mai folgte ein untertemperierter September, wobei der erste meteorologische Herbstmonat mit 11,5 ° nicht nur exakt auf dem Niveau des vorausgegangenen Mais landete, sondern sogar zu den vier kältesten seit Beobachtungsbeginn 1934 zählt, sein damaliges Klimamittel um 2,3 K verfehlte und seither nicht mehr annähernd so kühl daherkam. Das reichte zugleich trotz minimal überdurchschnittlicher Monatswerte im Oktober und November für den drittkältesten Herbst der letzten 35 Jahre.

Gleichzeitig bildete der November den Übergang in eine erneute außergewöhnlich kalte Phase. Im Hochsolling zeigte sich der Winter bereits zum Ende der zweiten Dekade mit Macht und einer 22 cm hohen Schneedecke am 19.11.1996 an der Station Silberborn nicht nur ungewöhnlich früh, sondern auch ausdauernd: erst 15 Tage später war der Schnee im Zuge der einzig milden Phase des gesamten Dezembers vorübergehend verschwunden. Doch zur dritten Dekade gab es Nachschub, und auch wenn es mit 8-9 cm im Solling und 3 cm im Wesertal nicht besonders viel war, reichte es für die seltene weiße Weihnacht auch in den Niederungen. Vor allem aber zog nun grimmige Kälte ein und brachte oben wie unten ab dem 21.12. eine Serie von 23 Tagen Dauerfrost sowie strengen Nachtfrost von bis zu -20 Grad, direkt über der Schneedecke wurde es teils noch kälter. So war die Neujahrsnacht 1996/97 über 30 Grad kälter (!) als die jüngste rekordwarme 25 Jahre später.

Eisiges Finale: Tiefstwerte von Silvester 1996 Quelle: https://www.mtwetter.de/

Ab etwa Mitte Januar 1997 lockerte die Kälte ihre Fesseln, der Februar sprengte sie schließlich und wurde außergewöhnlich mild. Damit endete die mit kurzen Unterbrechungen über 13 Monate anhaltende negative Temperaturanomalie abrupt und trotz eines Rückfalls im April 1997 letztlich auch nachhaltig. Die Monatstemperaturen im Dezember (-1,6 °C im Wesertal und -3,1 °C in Silberborn) und Januar (-2,4 bzw. -3,1 °C) wurden seither nur noch einmal im Jahr 2010 unterboten. Die Jahrestemperatur von 7,7 °C bzw. 5,8 °C verfehlte aber auch 2010 mit 8,4 bzw. 6,2 °C recht deutlich. Und dass es angesichts des weiteren Temperaturanstiegs seit 2011 noch einmal so ein kaltes Jahr wie 1996 geben wird, ist aus heutiger Sicht äußerst unwahrscheinlich.

Doch nicht nur bei der Temperatur landete das Jahr 1996 weit unten, auch bei Niederschlag und Sonnenschein hielt es sich stark zurück. Trockentrübkalt lautet daher das Fazit, wenn man es in einem Wort treffen muss. Mit 638 mm wurde der durchschnittliche Jahresniederschlag um fast 160 mm bzw. 20% verfehlt, die Sonne zeigte sich nur ca. 1.358 Stunden lang, was damals allerdings noch recht normal war für die Region angesichts eines Klimamittels 1961-1990 von nur 1.375 Stunden (das allerdings auf recht dünner Datenbasis steht) und leider auch heute noch unterboten werden kann, wie das vergangene Jahr 2021 und zuvor 2017 erst wieder zeigten. Dennoch hat mit der Erwärmung auch ein Anstieg der mittleren Sonnenscheindauer in einer der trübsten Regionen des Landes auf immerhin fast 1.520 Stunden im Jahr stattgefunden in der Bezugsperiode 1991-2020.

7,7 °C Jahresmitteltemperatur – so kalt war es seither nicht mehr annähernd und zuvor nur viermal noch kälter in der Zeitreihe 2323: 1940, 1956, 1962 und 1963

Februarschneemassen, Märzensommer und ein sehr langer Herbst

Das Wetter im Jahr 2021: Durchschnittlich temperiert, recht trocken und trüb

Titelfoto: Thomas Seliger

Eine Woche knackiger Winter im Februar, der erste Sommertag im März, ein dennoch kühles Frühjahr und ein sehr warmer Juni – die in Erinnerung bleibenden Wetterereignisse fanden fast alle im ersten Halbjahr statt. Das zweite kam zumindest gefühlt wie ein Dauerherbst daher, bevor neue Wärmerekorde Ende Dezember das letzte Wort hatten. Die Jahresbilanz zeigt für die Region durchschnittliche Temperaturen, die gemessen an den warmen Jahren der jüngsten Vergangenheit fast schon kühl anmuteten, dazu aufgrund des sehr trockenen Herbstes ein erneutes Defizit bei der Niederschlagssumme und deutlich weniger Sonnenschein als zuletzt. Nach drei ausgesprochen sonnenscheinreichen Jahren sortiert sich 2021 als eines der trübsten der letzten 33 Jahre in der lokalen Statistik ein.

Die Jahrestemperatur an der DWD-Station in Bevern lag mit 9,79 °C minimal unter dem Klimamittel der vergangenen 30 Jahre (-0,08 K). Gegenüber der älteren und kälteren Periode von 1961-1990 betrug die Abweichung hingegen glatt plus 1 K. Nachdem es im Jahr zuvor noch einen neuen Rekord in der Klimareihe Bevern/Holzminden gegeben hatte und erstmals die 11-Grad-Marke gefallen war, blieb 2021 erstmals seit 2013 wieder unter der 10-Grad-Marke.

In Silberborn wurde ein Jahreswert von 7,87 °C gemessen, was exakt dem dortigen Durchschnitt der letzten 30 Jahre entspricht und einem Plus von knapp 1,1 K gegenüber dem Mittel von 1961-1990. Es war in Relation zum Lokalklima im Hochsolling also um ein Zehntelgrad wärmer als im Wesertal, womöglich aufgrund des hochdrucklastigen Herbstes, wobei solch minimale Differenzen auch einfach im Rahmen der Fehlertoleranz bei den Messungen auftreten können.

Lassen wir das Wetterjahr 2021 noch einmal Revue passieren… was blieb hängen? Nach einem Durchschnittsjanuar zeigte der Februar innerhalb von nur zweieinhalb Wochen die ganze Bandbreite mitteleuropäischen (Spät)Winterwetters: Knackig kalt mit Tiefstwerten von nahe -20 Grad in zwei Metern Höhe sowie fast -25 direkt über dem Boden, dazu die höchste Schneedecke in den Niederungen seit mindestens 30 Jahren, was die Dauer angeht sogar seit Mitte der 1980er: Seit langem machte der Winter wieder einmal Schlagzeilen, gesperrte Straßen nach Schneeverwehungen und eingefrorene Leitungen nach einer Woche Dauerfrost inklusive – aber auch Rodelspaß für Klein und Groß im Rahmen der pandemiebedingten Möglichkeiten. Kurzzeitig deutete sich in den Wettermodellen sogar der kälteste Februar seit 1986 an. Doch wieder einmal zeigte der dritte Wintermonat, dass er ein kaum kalkulierbarer Geselle ist: Nach einer Umkehrung der Strömung von Nordost auf Südwest lagen wir rasch auf der warmen Seite der Großwetterlagen. Nur eine Woche nach dem letzten Eistag kletterte die Temperatur bereits auf über 18 °C und erreichte am 24.02. mit 19,3 °C sogar den höchsten je im Februar gemessenen Wert seit Beginn der Aufzeichnungen.

Eisig schön präsentierte sich die Weser bei Polle Mitte Februar © Annette Mokross

In Silberborn war die Schneedecke zwischenzeitlich sogar auf 45 cm angewachsen, selbst für den Hochsolling ein ungewöhnlich hoher Wert – doch auch hier konnte sich die weiße Pracht nicht lange halten und wurde rasch ein Raub der außergewöhnlichen Wärmeperiode der letzten Monatsdekade.

Die nächsten Wärmerekorde ließen nur wenige Wochen auf sich warten, Ende März war es so weit: Erstmals wurde im ersten Frühlingsmonat ein meteorologischer Sommertag gemessen. Bis auf 25,3 °C ging es zum Monatsausklang an der Station in Bevern, in Silberborn war bei 21,7 °C Schluss, aber auch dort wurde ein neuer Märzrekord aufgestellt.

Meteogramm der Station Bevern vom 31.03. – Ein Novum der lokalen Wettergeschichte:
Ein meteorologischer Sommertag im März. Quelle: mtwetter.de

Doch bevor ein falscher Eindruck entsteht: Abgesehen von diesen Rekorden hatte „warm“ nicht nur im März, sondern im gesamten meteorologischen Frühjahr kaum etwas zu melden. Blieb der März unter dem Strich noch nahe den langjährigen Mittelwerten, wurde es im April noch einmal spätwinterlich kalt mit den spätesten Schneedeckentagen in den Niederungen seit Jahrzehnten, während im Solling der Winter zu dieser Zeit ja häufiger noch einmal vorbeischaut. Auch nach dieser Episode war von frühsommerlicher Wärme, wie sie der April seit 2007 häufig geliefert hatte, nichts zu spüren. Im Gegenteil: Nicht nur im Solling, auch an der nur 110 m hohen Station in Bevern wurde im gesamten Monat nicht einmal die 20-Grad-Marke erreicht. Am Ende stand der kälteste April seit 1977 in der Region.

Und der Mai hatte auch keine große Lust auf Wärme und blieb zum dritten Mal in Folge unter dem alten Klimamittel der Jahre 1961-1990 – allerdings gab es zum Ende der ersten Dekade zwei Sommertage und am 9. mit 28,8 °C eine markante Temperaturspitze.

Aprilwetter im Mai © Annette Mokross

Der Juni schien dann in wenigen Wochen alles nachholen zu wollen und landete auf Platz zwei der wärmsten Junimonate seit Messbeginn, der erst zwei Jahre alte Rekord von 2019 wurde nur knapp verfehlt. Dazu war er mit gut 230 Stunden der mit Abstand sonnigste Monat des Jahres und brachte die einzigen heißen Tage des Jahres. Anders als in den drei Jahren zuvor blieb eine markante Hitzewelle diesmal aus.

Damit hatte der Sommer 2021 sein Pulver fast schon verschossen: Zwar gab es noch eine Reihe von Sommertagen jenseits der 25-Grad-Marke, aber eine zusammenhängende Schönwetterphase suchte man im Juli und auch im August vergeblich. Blieb der Juli noch auf durchschnittlichem Temperaturniveau, hielt in der zweiten Augusthälfte zeitweise bereits der Frühherbst Einzug und die 20-Grad-Marke erwies sich an vielen Tagen als zu hohe Hürde. Vor allem aber patzten beide Monate beim Sonnenschein und verfehlten das Mittel der letzten 30 Jahre um zusammen 100 Stunden.

Die Sonne machte sich rar im weiteren Sommerverlauf im Juli und August

Mit dem September begann auch offiziell der meteorologische Herbst und mit ihm wurden Hochdrucklagen zunehmend dominant. Das bescherte der Region zunächst einen Spätsommernachschlag in Form einer freundlichen und warmen erste Monatshälfte, doch anschließend blieb es häufig bewölkt bis hochnebelartig trüb und vor allem sehr trocken – an diesem vorwiegenden Wettercharakter sollte sich bis Jahresende nichts Wesentliches mehr ändern. Der Dezember tischte zumindest im Wesertal erst eine der hartnäckigsten trüben Phasen mit zehn Tagen am Stück ohne jeden Sonnenstrahl auf, dazu ein paar Dauerfrosttage vor und an den Weihnachtsfeiertagen, unterbrochen durch ein diesmal sehr kurzes Weihnachtstauwetter an Heiligabend und am Tag zuvor. Das Schlusskapitel des Wetterjahres 2021 schrieb dann ein markanter Warmluftvorstoß aus Südwesten mit neuen Tagesrekorden an den letzten beiden Tagen sowie der wärmsten Silvesternacht seit Beginn der Beobachtungen vor 87 Jahren.

Wenn die Sonne im Herbst herauskommt, zaubert sie intensive Farben an den Himmel

Die Niederschlagsbilanz war lange Zeit ausgeglichen bis überdurchschnittlich, doch mit den vier trockenen Monaten ab September wandelte sie sich noch in ein erneutes Defizit. In Zahlen heißt das: In Bevern fielen 720 mm, was etwa 91% des langjährigen Mittels entspricht, in Silberborn waren es mit 846 mm sogar nur 81%. Ähnlich trocken war es mit 82% in Ottenstein auf 295 m (699 mm), während im tiefer gelegenen Hehlen auf 133 m absolut (718 mm) und relativ (97%) mehr Niederschlag fiel. Lüchtringen brachte es nur auf 693 mm (85%), auch Amelith blieb mit 782 mm deutlich unter dem Klimamittel (86%). Aus Vorwohle liegt wegen eines längeren Ausfalls der Station im Sommer kein verwertbarer Jahreswert vor, der Wilmeröder Berg meldete für Polle 771 mm und Hellental 881 mm – der Spitzenwert unter den Stationen im Umkreis. An diesen beiden Standorten ist das vom DWD genannte Klimamittel aufgrund von Stationsverlegungen wenig plausibel, die genannten Werte von 94,4 bzw. 100,3% sind von den tiefer gelegenen und weniger nassen Standorten in Polle und Dassel beeinflusst und wurden bisher nicht homogenisiert.

Unabhängig davon war es für die Wälder ein erholsames Jahr: Ausreichend Regen im Frühjahr und Sommer, dazu weitgehend ausbleibende Hitze und deutlich weniger Sonnenschein als zuletzt sorgten in der Vegetationszeit für weniger Verdunstung und eine bessere Wasserversorgung auch in den tieferen Schichten. Dagegen fiel die Trockenheit im Herbst noch nicht allzu sehr ins Gewicht, ist aber statistisch alles andere als zu vernachlässigen, denn nur dreimal fiel in der Messreihe ab 1934 noch weniger Niederschlag im letzten Drittel des Jahres – und das ist sehr lange her: 1937, 1953 und zuletzt 1959.

Weniger kompliziert ist die Auswertung der Sonnenscheindaten: Mit einer Jahressumme von nur ca. 1.348 Stunden wurde das Klimamittel der Jahre 1991-2020 um 160 Stunden oder rund 11% verfehlt – vor allem die Monate April, Mai, Juli und August blieben deutlich zu trüb, während nur Februar und Juni ein nennenswertes Plus erzielten. Nach den drei sonnenscheinreichen Jahren 2018-2020 zeigte sich 2021 ein klarer Ausschlag nach unten – noch weniger schien die Sonne nach 1988 nur noch in den Jahren 2017 und 1998, ähnlich trüb waren 2013, 2010 und 1996.

Nach 11 Grad im Jahr 2020 blieb es 2021 mit 9,8 °C an der DWD-Station Bevern
vergleichsweise „kühl“
Mit nur rund 1.350 Sonnenstunden zählte die Region wieder einmal zu den trübsten im Lande

Zwischen Dauerfrost, Wärmerekorden und Industrieschnee

Der Dezember 2021 brachte ein Auf und Ab bei den Temperaturen, kaum Sonnenschein und wenig Niederschlag

Titelfoto: Annette Mokross

Fast die gesamte Spannbreite mitteleuropäischen Frühwinterwetters präsentierte der Dezember 2021 in der Region: Zu den zu dieser Jahreszeit unvermeidlichen zahlreichen dauertrüben Tagen mit Hoch- oder Bodennebel gesellten sich auch kurze freundliche Ausnahmen, an einigen Tagen herrschte Dauerfrost, an anderen blieb es nasskalt, zwischenzeitlich wurde es milder – man könnte auch kurz zusammenfassen: Keine besonderen Vorkommnisse, wozu auch das Ausblieben nennenswerter Schneefälle zählte – und auch aus der weißen Weihnacht wurde einmal mehr nichts. Doch zum Jahresende sorgte ein markanter Vorstoß sehr milder Luftmassen für neue Temperaturrekorde und damit für eine Fortdauer der seit elf Jahren andauernden Serie mehr oder weniger klar überdurchschnittlich temperierter Dezember. Dazu war es im vierten Monat in Folge deutlich zu trocken und die Sonne zeigte sich noch seltener am Himmel als es im dunkelsten Monat des Jahres ohnehin üblich ist bei uns.

Kaum Wind unter Hochdruckwetter im zweiten Monatsdrittel – gut zu sehen am fast senkrecht aufsteigenden Dampf über dem KKW Grohnde bei Hameln ©Annette Mokross


Mit einer Monatsmitteltemperatur von 3,64 °C war der Dezember 2021 an der DWD-Station in Bevern um knapp 0,9 Kelvin wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020. Nach dem 28.12. war die Bilanz noch ausgeglichen, das Plus ist also, wenn man so will, allein auf die letzten drei Tage zurückzuführen. Gegenüber der älteren Klimaperiode von 1961-1990 betrug die positive Abweichung 1,9 K. Abgesehen von den Temperaturrekorden an den letzten beiden Tagen mit Höchstwerten bis 15,0 °C und Tagesmitteln bis 13,6 °C (siehe: Rekordwarmer Jahreswechsel) war es zuvor gar nicht einmal so unwinterlich: Zwar platzten die Träume von der klassischen (und bei uns ohnehin sehr seltenen) weißen Weihnacht mit einer satten Schneedecke zum Heiligen Abend ein paar Tage vor dem Fest, nachdem zuvor einige Wettermodelle durchaus solche Optionen angezeigt hatten, aber zu den Feiertagen stellte sich kreisweit Dauerfrost und in den höheren Lagen sogar ein ganz klein wenig Schnee ein. Es gab 2021 also stellenweise „weiße Weihnacht light“. Die Bilanz von vier Eis-, zwölf Frost- und 19 Bodenfrosttagen an der Beveraner Station war gemessen an der jüngeren Vergangenheit überdurchschnittlich, mit -8,7 °C gab es die kälteste Dezembernacht seit neun Jahren und auch die Kältesumme von 16,7 Kelvin war zwar unspektakulär, gleichwohl aber die zweithöchste nach 2010.

Ähnlich in der Bilanz, aber anders in den Details präsentierte sich das Dezemberwetter im Hochsolling an der DTN-Unwetterreferenzstation in Silberborn: Höhenlagenbedingt gab es mehr Frosttage (19) und sogar ein paar dünne Schneedeckentage, unter dem Strich fiel das Plus bei der Temperatur mit 1,2 K gegenüber der Periode 1991-2020 und 2,1 K gegenüber 1961-1990 aber noch etwas größer aus als im Wesertal. Hauptgrund dafür war die Hochdrucklage vor Weihnachten, die unten für trostlose Nebelstimmung im Dauerfrost sorgte, weiter oben aber für Sonnenschein und tagsüber leichte Plusgrade. Die Monatsmitteltemperatur erreichte auf 428 m Stationshöhe 1,9 °C, die Zahl der Eistage lag mit drei jedoch unter der in Bevern. Neue Tagesrekorde zum Jahresende wurden mit bis zu 11,8 °C an Silvester auch in Silberborn gemessen, der tiefste Wert war eine -9,0 in der Nacht zum 22.12.

Die Analyse der Großwetterlagen zeigt für die erste Dekade vorwiegend Tiefdruckeinfluss aus Nordwesten und Norden, wobei die Niederschläge sehr überschaubar blieben. Es folgte eine bis kurz vor Weihnachten andauernde Hochdruckphase, die es gleich noch etwas genauer zu betrachten gilt, bevor sich ab 23. wieder Tiefdruck aus Westen mit teils ergiebigen Regenfällen durchsetzen konnte, unterbrochen durch Zwischenhocheinfluss an den Feiertagen. Die letzten Tage gehörten dann mit Südwest dem zu dieser Jahreszeit wärmstmöglichen Witterungstyp.

Dass Hochdruck in den Herbst- und Wintermonaten nur selten mit „Schönwetter mit viel Sonnenschein“ gleichzusetzen ist und wenn doch, dann deutlich eher in den Höhen des Sollings als in den Niederungen des Wesertals zu finden ist, zeigten die Tage zu Beginn der Weihnachtswoche wieder einmal exemplarisch. Während in der Vorwoche nirgends in der Region auch nur ein Sonnenstrahl zu finden war und die relative Luftfeuchte oft die Sättigungsgrenze von 100% erreichte, trocknete es anschließend in den höheren Lagen ein Stück ab und die Sonne kam zum Vorschein.

Weiter unten blieb es hingegen nicht nur trüb, ab den Abendstunden des 20.12. zeigte sich zumindest in der Kreisstadt ein Wetterphänomen, das leider in keiner offiziellen Beobachtung und Statistik auftaucht: Aus der extrem feuchten Luft in der Inversionsschicht fiel leichter Niederschlag, ohne dass dieser vom Radar oder den automatischen Messgeräten erkannt wurde. Gewöhnlich handelt es sich dabei um Nebelnässen, der sich als Tau oder Reif an Böden und Gegenständen absetzt und daher als „abgesetzter Niederschlag“ bezeichnet wird.

Doch das, was viele Holzmindener an diesen beiden Tagen auf Dächern, Fußwegen, teils auch Straßen und Autos vorfanden, war anders als in den Dörfern mit ehrenamtlichen DWD-Beobachtern echter Schnee. Wie kann es dazu kommen, dass offenbar nur im Stadtgebiet dieser Schnee zum Liegen kam? Die einzig schlüssige Erklärung lautet: Industrieschnee. Dabei handelt es sich um ein bei winterlichen Inversionslagen gelegentlich auftretendes Wetterphänomen, wenn die Luft zudem sehr feucht ist, so gut wie kein Wind geht und die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen. Durch Emissionen aus Industrieanlagen (hauptsächlich Wasserdampf oder Kondensationskerne), aber auch durch Abgase im Straßenverkehr oder aus Schornsteinen entsteht dann in geringen Höhen von ca. 100-200 m diese besondere Form sehr feinen festen Niederschlags. Aufgrund der deutlich höheren Emissionsbelastung sind die Rahmenbedingungen für ein solches Ereignis in der Stadt Holzminden „besser“ als in der ländlichen Umgebung und gleichzeitig auch ein Indikator für die Luftverschmutzung.

Industrieschnee auf einem Auto in Holzminden am Abend des 22.12. Foto: Holger Friedrich

Übrigens: Nicht nur Schadstoffpartikel, auch sich daran anheftende Krankheitserreger wie das Coronavirus können sich bei solchen Bedingungen in der Außenluft anreichern, weil sie nicht wie sonst vom Wind fortgetragen werden. Auch wenn Details dazu noch wenig erforscht sind, empfiehlt sich bei solchen sehr austauscharmen Wetterlagen zu dieser Jahreszeit für empfindliche und gefährdete Personen zum Eigenschutz das Tragen einer FFP2-Maske auch unter freiem Himmel zumindest vorübergehend dort, wo Menschen zusammenkommen.

Mit dem Wechsel hin zu einer Westwetterlage verschwand die „abgestandene“ Luft einen Tag vor Weihnachten und wurde durch frische Meeresluft mit teils kräftigen Regenfällen ersetzt. Und auch nach den Feiertagen regnete es nochmals verbreitet in der Region, doch unter dem Strich stand dennoch der bereits vierte deutlich zu trockene Monat in Folge. Mit einer Summe von 42,4 mm fiel in Bevern wiederum nur gut die Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags, an den anderen Messstellen des DWD im Umkreis sah es mit Quoten von ca. 50-65% ähnlich bzw. kaum besser aus. Am meisten fiel noch im Solling mit 64,8 mm in Silberborn, was im dortigen feuchteren Klima aber auch nur 68% des Klimamittels der letzten 30 Jahre entspricht, in denen der Dezember gegenüber den vorherigen 30 Jahren bereits rund 10% trockener geworden ist.

Schnee war rar, aber nicht komplett Fehlanzeige, wie die offiziellen Daten abseits des Industrieschnees in Holzminden zeigen: Während an den Stationen in Bevern, Lüchtringen, Polle und Hehlen „die Null stand“ und es in Ottenstein nur zweimal Schneeflecken zu melden gab, schafften Amelith und Hellental immerhin zwei, Vorwohle sogar drei zugegeben dünne Schneedeckentage. Spitzenreiter war Silberborn mit sechs plus ein paar Tagen mit Schneeflecken, von Rodel- oder Wintersportmöglichkeiten blieb man aber auch dort weit entfernt.

Der Wind frischte in den Tiefdruckphasen teils auf mit Böen von Beaufort 5-6, nur am 01.12. gab es verbreitet Böen der Stärke 7 und vereinzelt war in freien Lagen auch mal eine Sturmböe dabei. Unter der Hochdruckglocke vor Weihnachten „schlief“ der Wind zeitweise völlig ein. Die Sonne, ohnehin nur ein seltener Gast am Dezemberhimmel, brachte es nur auf gut 22 Stunden, was nicht einmal zwei Dritteln der durchschnittlichen Dauer entspricht. Insgesamt schloss das Jahr damit sehr trüb ab, nur ganze zweimal gab es nach 1988 noch weniger Sonnenschein als 2021, doch das soll dann eines der Themen des in Kürze folgenden Jahresrückblicks sein.

Der Köterberg ragte aus dem Nebelmeer heraus…
… und auch die Sonne konnte sich dort am Nachmittag des 21.12. zum Untergang
eindrucksvoll in Szene setzen Fotos: Annette Mokross
Foto: A. Mokross