Drittwärmstes Jahr seit Messbeginn

Rückblick auf das Jahr 2019 an der DWD-Station Bevern

„Orkan Friederike, Heißzeit und Dürre lauteten die Schlagzeilen“ – unter dieser Überschrift stand der Rückblick auf das lokale Wetter im Jahr 2018. Ganz so griffig und exponiert lässt sich das Wetterjahr 2019 zwar nicht zusammenfassen, die Ausschläge verliefen weniger extrem und starke Stürme blieben zum Glück ganz aus – dennoch lautet das Fazit auch diesmal: Der Klimawandel macht Mensch und Natur in der Region zunehmend zu schaffen, vor allem durch Hitze im Sommer und längere Trockenperioden bei gleichzeitig höherer Verdunstung. Dabei unterschieden sich vor allem die ersten fünf Monate im Vergleich zum Vorjahr deutlich voneinander, die Jahresniederschlagssumme lag wesentlich höher und die Anzahl der heißen Tage und Sonnenscheinstunden ein ganzes Stück niedriger, und doch lässt sich die Jahresbilanz am besten so zusammenfassen: Sehr warm, sehr sonnig und weiterhin zu trocken.

Ein im Grunde recht unspektakuläres Wetterjahr liegt uns und wurde doch, gerade wegen der Vorgeschichte aus 2018, für mehr und mehr Bäume zur Überlebensfrage. Die gute Nachricht lautet: Ein großer Teil steht noch. Die schlechte: Die Flächen, auf denen nichts mehr oder nur noch Totholz steht, sind größer geworden. Die beängstigende: Vielen geht es nicht gut und es ist nicht mehr nur die Fichte, die sich kaum an die sich rasch verändernden Bedingungen anpassen kann. Auch die Buche, weit verbreitet in den Wäldern der Region und eigentlich ein wichtiges Standbein im Mischwaldkonzept, muss verstärkt kapitulieren. Eine Entwicklung, die selbst Fachleute überrascht und die Wiederaufforstung und die Gestaltung der Wälder der Zukunft zur Herkulesaufgabe macht – mit ungewissem Ausgang. Denn ob wir derzeit nur eine vorübergehend sehr ausgeprägte Warm- und Trockenphase unseres variablen mitteleuropäischen Klimas erleben oder ob die Veränderungen bereits soweit fortgeschritten sind, dass häufige heiße und trockene Sommer nicht mehr nur eine Modellrechnung für das Klima in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sind, sondern bereits die Gegenwart und die nahe Zukunft prägen werden – auf diese Frage hat derzeit niemand eine seriöse Antwort.

Wenden wir uns deshalb nun den feststehenden Fakten und Daten des Wetterjahres 2019 zu: Mit einer Mitteltemperatur von 10,73 °C war es an der DWD-Station in Bevern das drittwärmste seit Messbeginn 1935 hinter 2018 und 2014. Dies gilt auch bundesweit (10,28 °C, flächendeckender Messbeginn 1881). Die Abweichung zum alten 30-Jahres-Klimamittel der Weltmeteorologie-Organisation WMO von 1961-1990 betrug in Bevern knapp 2 Kelvin, gegenüber dem derzeit bei vielen Wetterdiensten gebräuchlichen Durchschnitt der Jahre 1981-2010 war es ein Plus von 1,3 K und im Vergleich zum Mittel seit 1991, das in einem Jahr (komplettiert durch den Jahreswert 2020) das neue WMO-Referenzmittel für die folgenden 30 Jahre bilden wird, war es immer noch 0,9 K wärmer. Damit lag  das sechste Jahr in Folge in Bevern und Orten auf vergleichbarer Höhenlage in der Region über der 10-Grad-Marke, die im Jahr 1994 erstmals überschritten worden war. Was vor 25 Jahren noch ein Novum darstellte, ist heute Normalität geworden.

Schaut man sich den Verlauf des Jahres und einzelne Witterungsphasen etwas genauer an, stößt man trotz ähnlicher Kernaussagen auf deutliche Unterschiede in den Details gegenüber 2018, die sich am stärksten in den ersten fünf Monaten zeigen: War der Januar 2018 noch sehr mild und stürmisch, brachte der 2019er durchschnittliche Temperaturen und eine winterliche Phase mit (Dauer)Frost und Schnee in der letzten Dekade – es sollten in den Niederungen allerdings auch die einzigen Schneedeckentage des Jahres bleiben. Bevern meldete zwei mit jeweils einem Zentimeter Höhe, in Hehlen, Holzminden und Lüchtringen war es sogar nur ein Tag. Etwas länger konnte sich der Schnee im Hochsolling halten, in Silberborn immerhin bis zum Ende der ersten Februarwoche. Doch auch dort blieb der Winter 2019 Stückwerk und musste rasch dem Vorfrühling weichen, der die Temperaturen im Wesertal ab Monatsmitte mehrfach auf über 15 Grad ansteigen ließ, mehrere Tagesrekorde inklusive. Zum Monatsende wurden über 18 Grad gemessen, ein Jahr zuvor hatte es noch einen kräftigen Kaltlufteinbruch gegeben mit Höchstwerten von sechs Grad minus und Treibeis auf der Weser Anfang März. Davon war trotz einer Abkühlung zu Märzbeginn nichts zu sehen, insgesamt war der erste Frühlingsmonat 4,2 K wärmer als sein Vorgänger.

Auch der weitere Verlauf des Frühjahrs stand oft in markantem Gegensatz zum Vorjahr: Hatte es 2018 im April und im Mai neue Monatsrekorde gegeben, präsentierte sich „Wonnemonat“ 2019 kühl und grau und war der einzige Monat des Jahres, der kälter abschloss als im langjährigen Mittel. Doch auch im April hatte der Frühling diesmal mehr zu kämpfen: Zwar sorgte eine sonnige und warme Phase um Ostern nicht nur für den ersten Sommertag des Jahres am 24.04., sondern auch für einen insgesamt warmen April (Monatstemperatur 10,2 °C), dennoch blieb er nicht nur fast 3 Grad hinter dem 2018er zurück, sondern brachte kurz vor Monatsmitte noch mal einen Rückfall in den Spätwinter: Am Morgen des 13. gab es im Solling eine Schneedecke von mehreren Zentimetern und auch die zahlreichen bunten Osterzweige weiter unten trugen vorübergehend ein weißes Mützchen.

Doch letztlich blieben diese nicht unüblichen Kälterückschläge Ereignisse am Rande, die schon bald in Vergessenheit gerieten, denn der Sommer 2019 startete sehr pünktlich und mit Kraft und Ausdauer: Gleich der Auftakt am 1.6. brachte einen Sommertag, dem viele weitere folgten bis hin zur ersten Hitzewelle des Jahres am Monatsende. Da kühle Phasen gar nicht Fuß fassen konnten, übertraf der Juni den bisherigen Rekordhalter aus dem Jahr 2003 um mehr als ein halbes Grad. Dazu brachte er viel Sonne und immerhin halbwegs ausreichend viel Regen, und als die anschließende erste Julihälfte vergleichsweise kühl und trüb ausfiel, deutete noch wenig auf eine sich deutlich verschärfende Dürresituation in den Wäldern hin. Doch es folgte eine ausgesprochen trockene zweite Sommerhälfte mit viel Sonne und Wärme, die zum Monatsende von Juli und August intensive Hitze brachte – inklusive eines neuen Stationsrekords am 25.07. in Bevern (37,2 °C). Zwar lag die Zahl der heißen Tage in Bevern um 15 niedriger als im Vorjahr, die der Sommertage und warmen Tage sogar um je 30, doch man muss berücksichtigen, dass 2018 bei diesen Kenntagen weit in neue Dimensionen vorgestoßen war. Auch 18 heiße Tage, wie wir sie 2019 erlebt haben, liegen (noch) deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.

Der Herbst verlief zwar weniger warm und dank eines nassen Oktobers auch ohne weiteres Niederschlagsdefizit, doch waren die trockenen und warmen Wochen im Sommer nach dem Dürrejahr 2018 zu viel für den heimischen Wald.  Bei der Bewertung der Niederschlagsummen im Verhältnis zum Klimamittel muss zudem berücksichtigt werden, dass mehr Wärme und Sonnenschein zu mehr Verdunstung und einem höheren Wasserbedarf führen und die auf den ersten Blick geringen Defizite im Kontext der Witterung der letzten zwei Jahre alles andere als geringfügig sind. In nackten Zahlen ausgedrückt wurden in Bevern 747,7 mm gemessen, was 89,0% des Klimawerts von 1981-2010 entspricht.  Ein Blick auf ganz Deutschland zeigt einen Spitzenwert von 2.559,2 mm auf der Zugspitze und als trockenste Station den Flughafen Erfurt-Weimar mit nur 350,8 mm.

Die Sonne schien in der Region etwas über 1.700 Stunden lang, das sind gut 250 Stunden oder rund 18% mehr als im langjährigen Mittel, aber fast 190 Stunden weniger als im Jahr zuvor. Die bundesweite Spanne lag zwischen 2.123 Stunden in Rheinfelden an der Schweizer Grenze und 1.529 Stunden auf dem Kahlen Asten.

Jahresübersicht_2019_2323

TM-Chart_1935-2019_2323

RR-Chart_1935-2019_2323

SHK-Chart_1951-2019_2323

 

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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