Ein sehr trockener Mai und ein rekordsonniges Frühjahr

Nord- und Nordwestlagen brachten oft kühle Luft, aber kaum Regen

Überdurchschnittlich viel Sonnenschein bei unterdurchschnittlicher Temperaturbilanz: Diese ungewöhnliche Kombination prägte den dritten und letzten Frühlingsmonat 2020. Dazu war es erneut deutlich zu trocken, weil über fast den gesamten Monat hinweg Hochdruck- und Hochdruckrandlagen dominierten. Diese brachten zwar auch einige wolkenreiche Tage, so dass sich die Sonne längst nicht so lange zeigen konnte wie noch beim April-Rekord mit seinen fast 300 Stunden, dennoch lag die Monatssumme mit 227 Stunden rund 15% über den langjährigen Mittelwerten und bescherte der Region das sonnenscheinreichste Frühjahr seit Aufzeichnungsbeginn. Das Niederschlagsdefizit hingegen wuchs nach nunmehr elfeinhalb Wochen mit lediglich sporadischen Regenfällen weiter an.

Mit einer Mitteltemperatur von 12,18 °C war es an der DWD-Station in Bevern im Mai 2020 um 1,15 Kelvin kühler als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Selbst das ältere Klimamittel der Periode 1961-1990 wurde um 0,3 K verfehlt, womit es der zweite kühle Mai in Folge war. An der DTN-Unwetterreferenzstation* in Silberborn lag die Monatstemperatur mit 10,0 °C um 1,3 K unter dem dortigen Klimawert von 1981-2020 und um 0,4 K unter jenem der Jahre 1961-1990. Was auf den ersten Blick eher wenig ungewöhnlich aussehen mag, entpuppt sich beim Blick in die Historie als durchaus seltenes Ereignis: Ähnlich kühle Maipaare finden sich in den letzten 40 Jahren nur noch 1995+1996 sowie 1983+1984. Wirklich außergewöhnlich aber ist das Zusammenspiel aus negativer Temperaturabweichung und einem Plus beim Sonnenschein, das zuletzt 1980 beobachtet wurde. Danach waren kühle Maie immer mit wenig Sonnenschein korreliert und sonnige Maie zugleich auch warm.

Was noch auffällt: Gegen den allgemeinen Trend ist die Erwärmung im Mai im ablaufenden Jahrzehnt von 2011-2020 sehr schwach ausgefallen. Der Dekadenmittelwert von 13,6 °C in Bevern liegt nur 0,3 K über dem Mittel der Jahre 1981-2010, die anderen Monate erwärmten sich in dieser Zeit zwischen 0,6 und 1,1 K mit einem kräftigen Ausreißer nach oben im Dezember, der einen markanten Anstieg um 2,4 K aufweist. Nun ist es zwar wegen der geringen Menge der Daten immer recht problematisch, wenn man kurze Zeiträume wie hier ein Jahrzehnt mit einer dreimal so langen Klimaperiode von 30 Jahren vergleicht, aber ein zumindest kurzfristiger Trend lässt sich daraus schon ableiten.

Da sich der April im gleichen Zeitraum sehr viel stärker erwärmt hat, ist eine mögliche Erklärung, dass sich nicht nur die phänologischen Jahreszeiten im Rahmen des Klimawandels nach vorn verschieben, sondern auch die Witterungsentwicklung. Der Mai hat seinen Ruf als Wonnemonat vor allem deshalb, weil man mit ihm erblühende Natur, erste warme Tage und viel Sonnenschein mit Hochdruckwetter in Verbindung bringt. All das findet seit einiger Zeit häufig bereits im April statt. Gleichzeitig hing der Juni bis vor einigen Jahren bei der Erwärmung und bei der Sonnenscheinentwicklung hinterher, weil in der Umstellungsphase der Atmosphäre auf der Nordhalbkugel hin zur Sommerzirkulation letzte Kaltluftrückfälle gerne für instabiles und oft wolkenreiches Wetter über Mitteleuropa sorgten. Dies könnte sich mittlerweile ebenfalls nach vorn verschoben haben und deshalb gehäuft im Mai auftreten, während der Juni zuletzt oft von hochsommerlich warmen und teils heißen Phasen geprägt war, die zuvor meist dem Juli vorbehalten waren. Hier gilt es, die kommenden Jahre abzuwarten, um die Belastbarkeit dieser Arbeitsthese zu ermitteln. Möglicherweise entpuppt sich die Häufung recht kühler Maie auch als zufällige und vorübergehende Schwankung unseres variablen mitteleuropäischen Klimas.

Anhänger sogenannter Singularitäten, auch Witterungsregelfälle genannt, werden beim Blick auf Kalender und Thermomater am 11. Mai und den Tagen danach die Bestätigung dafür gefunden haben, dass die „Eisheiligen“ pünktlich waren. In diesem Jahr fielen die kältesten Tage des Monats sowie der letzte Nachtfrost in Bevern tatsächlich in die erste Hälfte der zweiten Dekade – doch hier war sicher sehr viel mehr Zufall im Spiel als bei der zuvor aufgeworfenen Frage, ob es eine grundlegende Verschiebung der Frühjahrswitterung in Mitteleuropa gibt. Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit für Frost im Mai zu Monatsbeginn am höchsten und nimmt dann kontinuierlich ab. Es gibt auch keine Auffälligkeit in der Zeit zwischen dem 11. und 14.05., also jenen Tagen, an denen im gregorianischen Kalender die vier Eisheiligen Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifazius aufgeführt werden, und erst recht nicht zehn Tage später, wo sie nach dem julianischen Kalender zu finden waren. Man muss diese Bauernregel aus ihrer Zeit heraus verstehen, im kälteren Klima des Mittelalters dürfte sie durchaus ihre Berechtigung gehabt haben. Genau nachprüfen lässt sich dies jedoch kaum. Anders sieht es für die jüngere Vergangenheit aus, und da ist der Blick in die Messreihe Holzminden/Bevern mit Tageswerten ab 1951 durchaus aufschlussreich, denn es finden sich in den 70 Jahren ganze drei Tage bzw. Nächte mit Frost zwischen dem 11. und 14. Mai – der 12.05.2020 war einer davon. Genau so viele sind es übrigens in der Zeit vom 15.-20. Mai, danach finden sich dann nur noch zwei einzelne sehr späte Fröste am 22.05.1988 und am 03.06.1962.

Wie auch immer: Die Großwetterlagen begünstigten in diesem Jahr das Auftreten kalter Nächte mit Bodenfrösten bis Monatsmitte und einstelligen Minima bis zum Schluss. Bis auf wenige Tage dominierten Nord- und Nordwestlagen, Strömungen aus dem Südsektor fehlten völlig.  Somit konnte immer wieder Luft (sub)polaren Ursprungs einließen, die sich in der Sonne jedoch spürbar erwärmte, so dass vielen Menschen der Mai vermutlich gar nicht mal kühl vorgekommen sein dürfte. Begünstigt wurde die Tageserwärmung auch durch die trockenen Böden, weil es dadurch an Verdunstungskälte fehlte.

Womit wir beim Thema Trockenheit und Niederschlagsarmut angekommen sind. Der ergiebige Regen von Ende Januar bis kurz vor Märzmitte ist längst aufgebraucht, seither gab es an der Station Bevern an 60 von 79 Tagen überhaupt keinen messbaren und an weiteren neun Tagen nur geringfügigen Niederschlag von weniger als 1 mm. Im Mai regnete es nur an neun Tagen und die Monatssumme blieb mit 29,9 mm fast exakt auf dem niedrigen Niveau des Vormonats. Vom Klimamittel der Jahre 1981-2010 wurden nur 46,5% erreicht. Noch trauriger liest sich die Bilanz in Silberborn mit nur 24 mm bei gleichzeitig höherem Klimawert von über 80 mm – im Hochsolling fiel also nur gut ein Viertel der durchschnittlichen Regenmenge. Die ohnehin angespannte Lage in den Wäldern hat sich damit erneut verschärft.

Das zeigt sich auch beim Blick auf die Bilanz des meteorologischen Frühjahrs, das in allen drei Monaten die langjährigen Durchschnittswerte des Niederschlags verfehlte, im März noch knapp, danach deutlich. In Bevern wurden mit 119,8 mm weniger als zwei Drittel des Klimamittels von 1981-2010 erreicht, in Silberborn mit ca. 135 mm sogar nur 55%.  Auch an den anderen Messstellen im Kreis war es mit 55-65% viel zu trocken, am meisten fiel noch in Hellental mit 156,2 mm.

Beim Sonnenschein ließ das Frühjahr 2020 dagegen alles hinter sich, was bisher gemessen wurde. Mit einer Summe von ca. 690 Stunden wurde der bisherige Rekord aus dem Jahr 2011 um 13 Stunden übertroffen. Bezogen auf das Mittel der Jahre 1981-2010 ergab sich ein Überschuss von genau 50%. Zur Einordnung: Nur wenige Sommer schafften eine noch höhere Sonnenscheinsumme als das abgelaufene Frühjahr, das mit einer Mitteltemperatur von 9,6 °C an der Station Bevern genau auf dem Niveau des Vorjahres abschnitt. Damit war es um 0,6 K wärmer als im Schnitt der Jahre 1981-2010, gegenüber dem  jüngsten 30-Jahresmittel seit 1991 gab es ein zartes Plus von 0,2 K. Auch in Silberborn wurde mit 7,6 °C genau der Vorjahreswert erreicht, die Abweichungen zur dortigen Klimanorm sind ebenfalls  identisch. Um dieselbe Temperatur zu erreichen, brauchte das Frühjahr 2019 fast 200 Sonnenstunden weniger. Charakteristisch im gesamten Frühjahr war das völlige Ausbleiben der Großwettertypen (GWT) Südwest und Süd sowie Trog und Tief. Nach der bis Mitte März andauernden Westlage, die noch einmal kurz zum Aprilende zum Zuge kam, gaben sich ausschließlich Nord-, Nordwest- und Ostlagen sowie Hochdruck Mitteleuropa die Klinke in die Hand.

*Der Wetterdienstleister MeteoGroup wurde durch die Schweizer Holding TBG AG übernommen, der bereits der Anbieter DTN gehörte, einem führenden Informationsdienstleister für wetterabhängige Branchen. Im Zuge der Umgestaltung zu einem gemeinsamen Auftritt wurde auch das Wetterstationsnetz, zu dem der Standort Silberborn gehört, entsprechend umbenannt.

Mai_2020_Übersicht

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Mai_2020_Tx_Rekorde

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GWT Frühjahr 2020

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Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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