Hitze, Gewitter und ein Tornado

Mehrere Extremwetterereignisse prägten den zweitwärmsten August seit Messbeginn im Oberwesertal

Nachdem der Sommer 2020 sein Werk gut zwei Monate lang recht unauffällig und typisch mitteleuropäisch wechselhaft verrichtet hatte, wendete sich das Blatt im Laufe der ersten Augustwoche: Eine ungewöhnlich lange Hitzewelle hatte weite Teile des Landes fest im Griff und sorgte für eine Reihe von Tagen mit Höchstwerten zwischen 30 und fast 36 Grad in der Region. Mit zunehmender Feuchte stieg die Wärmebelastung zusätzlich an, einzelne lokal begrenzte Schauer und Gewitter brachten kaum Erfrischung. Nach Monatsmitte wurde es schrittweise kühler, der bis dahin aufgebaute Temperaturüberschuss sorgte aber trotz eines leicht unterdurchschnittlichen Monatsendes für den zweitwärmsten August seit Aufzeichnungsbeginn. Höhepunkt der teils extremen Witterung im dritten Sommermonat war ein Tornado am Mittag des 17.08., der nordöstlich der Kreisstadt beobachtet wurde.

Mit einer Mitteltemperatur von 20,30 °C war der August 2020 an der DWD-Station in Bevern um 2,6 Kelvin wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010 und der zweitwärmste seit Messbeginn 1934. Erst vor zwei Jahren hatte sich der August 2018 hinter dem Spitzenreiter 2003 auf den zweiten Platz geschoben – und musste diesen nun bereits wieder abgeben. Die Erwärmung im Zuge des Klimawandels schreitet derzeit in den Sommermonaten forciert voran, in der jüngsten Vergangenheit trifft dies besonders auf den August zu, der in den letzten zehn Jahren sogar den Juli als wärmsten Monat des Jahres abgelöst hat. Vergleicht man die Durchschnittswerte der Klimaperiode von 1961-1990 mit dem ab dem kommenden Jahr gültigen Referenzmittel der Jahre 1991-2020, so hat sich der August in den letzten 30 Jahren um fast 1,5 K erwärmt. Das ist zusammen mit dem Juli und nach dem April der zweitstärkste Anstieg aller zwölf Monate.

Nach einem sehr warmen Start mit Höchstwerten von knapp unter 30 Grad ging es erst einmal wieder abwärts. Mit mehreren Tagen leicht unter der 25-Grad-Marke setzte der Sommer 2020, für den diverse Medien und Meteorologen einmal mehr den Begriff vom „Schaukelsommer“ bemühten, seinen eingeschlagenen Weg der moderaten Wärme fast ohne Hitze aus den Vormonaten zunächst weiter fort – bis sich zu Beginn der zweiten Pentade das Hoch „Detlef“ von Westen kommend über Nordosteuropa festsetzte und eine Brücke zum Subtropenhoch auf dem Ostatlantik bildete. Die damit einfließende Luftmasse subtropischen Ursprungs erreichte in ca. 1.500 Metern Höhe Temperaturen von bis zu 18 Grad über unserer Region, was in Zusammenhang mit ungehinderter Sonneneinstrahlung und begünstigt durch die trockenen Böden zu Höchstwerten von bis zu fast 36 Grad führte, wobei die Luft zunächst noch trocken und die Nächte sogar noch vergleichsweise frisch blieben. Doch wie so oft bei heißen Sommerwetterlagen schummelte sich im Laufe des Wochenendes eine flache Tiefdruckrinne von Frankreich her nach Deutschland und führte deutlich feuchtere Luft in den Süden und die Mitte. Die Folgen bei uns: Die Hitze schwächte sich zwar mit zunehmender Bewölkung etwas ab, aufgrund der deutlich höheren Feuchte mit Taupunkten von bis zu 20 Grad stieg die Wärmebelastung aber sogar noch an.

In dieser feuchten, instabil geschichteten Luft konnten sich immer wieder einzelne, meist lokal eng begrenzte Schauer und Gewitter entwickeln, oft blieb es aber auch bei kurzem Donnergrollen. Dort, wo kräftiger Regen niederging, brachte dieser aber kaum Erleichterung, denn bis auf die temporäre Verdunstungskälte während der Niederschläge gab es keine Abkühlung, da mit den Schauern kein Luftmassenwechsel verbunden war, wie es bei an Kaltfronten geknüpften Gewittern der Fall ist. Vielmehr breitete sich das Gefühl einer riesigen Waschküche im Freien aus.

Insgesamt dauerte die Serie der heißen Tage mit mindestens 30 Grad Höchsttemperatur genau eine Woche lang an, nach der gängigen Definition des tschechischen Meteorologen Jan Kysely für die Analyse von Hitzewellen in Mitteleuropa waren es sogar zwölf Tage vom 5.-16.08. und damit eine der längsten Hitzewellen in der Region seit Beginn der Messungen. Wobei wie immer für den Begriff „Region“ gilt, dass die in Bevern gewonnenen Messwerte nur für die Tieflagen des Wesertals repräsentativ sind und es in den höheren Lagen ein Stück kühler oder weniger heiß wird. Das bestätigt auch der Blick auf die Messungen im Silberborner Kurgarten, wo nur zwei Hitzetage registriert wurden. Gleichwohl war es auch dort ein ungewöhnlich warmer August, der sich in der Hochsolling-Klimareihe als drittwärmster hinter 2003 und 1997 einsortiert. Mit einer Mitteltemperatur von 18,1 °C wurde das Klimamittel der Jahre 1981-2010 um 2,4 K übertroffen. Bei den wärmsten Nächten hatte Silberborn sogar die Nase vorn: Gleich zweimal sank das nächtliche Minimum nicht unter 20 Grad, am 21. wurde es sogar nicht kälter als 21,3 °C. In dieser Nacht reichte es auch am Standort Bevern mit 20,0 °C haargenau für eine der im Wesertal sehr seltenen Tropennächte.

Noch seltener und für jeden Wetterfan ein ganz besonderes Ereignis sind Tornados – und genau dieses Wetterphänomen konnten mehrere Bewohner des Kreises am Mittag des 17.08. beobachten und mit der Kamera einfangen. Was zunächst nach den ersten vorliegenden Bildern nur wie ein Funnel aussah, also eine Windrose, die den Boden nicht erreicht, entpuppte sich nach dem Eintreffen weiterer Fotos als handfester Tornado, der nur gut eine Stunde später bereits unter tornadoliste.de bestätigt wurde. Da er zum Glück über unbewohntem Gebiet niederging und daher keine Schäden gemeldet wurden, kann die Stärke nicht eingestuft werden. Diverse Augenzeugen berichteten aber davon, dass der Bodenwirbel auf Feldern über mehrere Minuten zu sehen war. Beobachtet wurde der Tornado u.a. von Bevern, Deensen, Arholzen, Stadtoldendorf und Braak aus, eine exakte Lokalisierung war aber nicht möglich.

Während der Tornado selbst nicht von Gewittern und Regen begleitet wurde, bildeten sich im Laufe des Nachmittags wieder lokale Starkregenfälle aus, während es an anderer Stelle nahezu trocken blieb. Als exemplarisches Beispiel seien zwei Tagessummen von DWD-Niederschlagsstationen an jenem Montag genannt: Während westlich der Kreisstadt in Lüchtringen 16,1 mm gemessen wurden, waren es auf der anderen Seite im Osten in Hellental nur 0,8 mm. Der 17.08. war zugleich der letzte Tag im August, an dem vereinzelt größere Mengen fielen.

Nachfolgend steuerte die Großwetterlage in ruhigeres Fahrwasser mit Höchstwerten zwischen 24 und 29 Grad und einigen trockenen, aber überwiegend bewölkten Tagen. Am 22.08. zeigte sich der August noch einmal von seiner freundlichen Seite und lud ein zu einer Tour durch den Kreis mit einer Mischung aus blauem Himmel und rasch ziehenden Cumuluswolken, die für interessante Licht-Schatten-Spiele sorgten. Es war zugleich der letzte Tag im August, an dem das Kriterium für einen meteorologischen Sommertag mit mindestens 25 °C erreicht wurde. Anschließend brachte eine Umstellung auf eine Westlage einen nur mehr mäßig warmen, unbeständigen und zu wiederkehrenden, aber meist nur leichten Regenfällen neigenden Witterungsabschnitt zum Ausklang des Sommers 2020.

Die Niederschlagssumme an der Station in Bevern lag mit 87,5 mm ein Stück höher als an den anderen Messplätzen des DWD, wo es meist zwischen 55 (Ottenstein) und 77 mm (Lüchtringen) waren. Derzeit findet man auf diversen Internetseiten (noch?) einen niedrigeren Wert für Bevern als hier genannt – Grund dafür ist ein Ausfall der Technik während der ersten Dekade. Wie Temperatur und Feuchte, wird auch der Niederschlag dort vollautomatisch erfasst und an den DWD übertragen. Doch seit Ende Juli streikte der Regenmesser und bis zur Instandsetzung vergingen fast 14 Tage – leider kein Einzelfall, wie Recherchen zu diesem Thema ergaben. Glücklicherweise befindet sich neben dem Automaten in Bevern noch ein manuelles Niederschlagsmessgerät, der klassische „Hellmann“, wie er an den konventionellen Stationen in Lüchtringen, Polle, Hehlen und Hellental beim DWD ebenso zum Einsatz kommt wie an der privaten Station in Silberborn. In Ottenstein und Vorwohle hingegen wird wie in Bevern vollautomatisch gemessen. Da der Hellmann in Bevern nie abgebaut wurde, konnte Betreuer Manfred Springer ihn nun vorübergehend zur Handmessung reaktivieren und so dafür sorgen, dass keine Lücke in der seit Juli 2006 vollständigen Messreihe in Bevern entsteht. Doch bis der DWD solche „Zumeldungen“ (wie sie im Amtsdeutsch heißen) in seine Datenreihen integriert hat, kann es dauern…

Auf diese Weise konnte zum Glück die Monatssumme auf Umwegen korrekt ermittelt werden, sie lag in Bevern immerhin 10 mm oder 13% über dem Mittel der Jahre 1981-2010. Allerdings ist für die trockengestresste Vegetation leichter Landregen deutlich besser als kurze, starke Schauer, bei denen ein Großteil des Regenwassers oberflächlich abfließt und die tieferen Bodenschichten nicht erreicht. Dazu kam die Hitze und zum Monatsende auch zeitweise auffrischender bis stürmischer Wind – all diese Faktoren begünstigen Verdunstung und Austrocknung der oberen Bodenschichten. Das Thema Trockenheit wird uns und vor allem die für die Wälder zuständigen Forstwirte auch weiterhin beschäftigen. Zumal im Solling, wo die langjährigen Klimawerte und damit die Menge, an die die Natur angepasst ist, höher liegen als im Wesertal, wo aber in Silberborn mit 86,3 mm nur 93,8% des Mittels von 1981-2010 gemessen wurden.

Die Sonnenscheinbilanz schließlich fiel leicht überdurchschnittlich aus, was hauptsächlich auf die sonnige erste Dekade zurückzuführen ist. Mit 196 Stunden schien die Sonne etwa acht Stunden länger als im langjährigen Mittel, was insofern etwas überraschend ist, als dass die bisherigen sehr warmen Augustmonate mit einer deutlich höheren Sonnenscheindauer zwischen 220 und fast 270 Stunden korreliert waren.   

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

2 Kommentare zu „Hitze, Gewitter und ein Tornado“

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