Viel Durchschnittskost und eine Woche Hitze

Achtwärmster Sommer seit Aufzeichnungsbeginn bei ausgeglichener Regen- und Sonnenscheinbilanz

Nach zwei sehr sonnigen, trockenen und heißen Vorgängern bewegte sich der Sommer 2020 in allen drei Kategorien deutlich näher an den langjährigen Mittelwerten der letzten 30 Jahre. Vor allem bei Niederschlagsumme und Sonnenscheindauer wurden nur sehr geringe Abweichungen beobachtet, während es bei der Temperatur vor allem aufgrund der markanten Hitzewelle in der ersten Augusthälfte noch für den achtwärmsten Sommer seit Messbeginn 1934 reichte, die sehr hohen Werte von 2018 und 2019 aber deutlich verfehlt wurden.

Mit einer Mitteltemperatur von 18,46 °C war es im Sommer 2020 an der DWD-Station in Bevern um 1,14 Kelvin wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Noch klarer zeigt sich die Entwicklung, wenn man die internationalen 30-Jahres-Referenzperioden miteinander vergleicht: War es im Mittel der Sommer 1961-1990 noch 16,5 °C warm, sind es 30 Jahre später bereits 17,8 °C – und selbst dieser Wert wurde im Sommer 2020 um 0,65 K übertroffen. Betrachtet man innerhalb der neuen Klimanorm von 1991-2020 die erste und zweite Hälfte getrennt, findet sich zuletzt sogar ein Anstieg auf eine Mitteltemperatur von 18,1 °C.  

Mit einem aufschlussreichen Blick über den regionalen Tellerrand hinaus ergibt sich folgendes Bild: Ein Durchschnittssommer der letzten 15 Jahre im Oberwesertal liegt exakt auf dem Temperaturniveau der Klimanorm vor 30 Jahren im deutlich wärmeren Frankfurt am Main, was auch das Diagramm auf dieser Seite veranschaulicht. Der Vergleich mit der Rhein-Main-Metropole fördert noch mehr bemerkenswerte Zahlen zutage: Im aktuellen 30-Jahres-Mittel gibt es in unserer Region ebenso viele meteorologische Sommertage mit einer Höchsttemperatur von mindestens 25 °C zwischen dem 1. Juni und 31. August wie in Frankfurt vor 30 Jahren – 34 Stück. Und bei den heißen Tagen ab 30 Grad sind es in diesem Quervergleich sogar mehr (9,5 zu 8,3). Zumindest was die Temperaturen im Sommer angeht, hat sich das damalige Klima aus einer der wärmsten Regionen Deutschlands in den letzten 30 Jahren bis zu uns vorgearbeitet.

Natürlich ist es auch im Rhein-Main-Gebiet wärmer geworden, dort liegt der aktuelle 30-Jahresschnitt im Sommer bei fast 19,7 °C und in den letzten Jahren ging es sogar regelmäßig über die 20-Grad-Marke, die bei uns noch nicht erreicht wurde, auch wenn ihr die Sommer 2003 und 2018 sehr nahe kamen. Doch obwohl der aktuelle Sommer bis auf die Augusthitze unauffällig blieb und bei den heißen Tagen mit acht sogar leicht unterdurchschnittlich, wurden erstmals drei Sommer in Folge mit über 18 °C Mitteltemperatur an der Station Bevern registriert. Die jüngsten sechs waren alle mindestens 17,95 °C warm – eine solche Serie hat es zuvor nicht annähernd gegeben: Von 1934 bis 2001 brauchte es noch 68 Jahre, um sechs solch warmer Sommer zu zählen, von denen nie mehrere aufeinander folgten.

Deutlich moderater fielen die Sommertemperaturen im Solling aus. An der Station in Silberborn, die seit Mitte Juni auch über einen Windmesser in 10 m Höhe über Grund an einem separat aufgestellten Mast verfügt, betrug die Mitteltemperatur 16,1 °C und es wurden nur zwei heiße sowie 16 Sommertage gezählt. Doch natürlich müssen diese Werte im Kontext der Höhenlage und des daraus resultierenden kühleren Klimas betrachtet werden, entscheidend sind auch hier die Abweichungen zu den langjährigen Mittelwerten vor Ort. Und da fällt die Erwärmung der letzten 30 Jahre genauso deutlich aus wie in den Niederungen: Ein Durchschnittssommer der Jahre 1961-1990 erreichte in Silberborn noch 14,3 °C, von 1991-2020 waren es schon 15,6 °C – der Zuwachs beträgt im Hochsolling also ebenso wie im Oberwesertal 1,3 Kelvin. Oben wie unten war in diesem Sommer der August der mit Abstand wärmste Monat und der Juli der kühlste, wobei der Unterschied in Silberborn noch etwas deutlicher ausfiel.

Hitze in Verbindung mit sehr viel Sonnenschein und zeitweise extremer Trockenheit – diese Mixtur hatte die Wälder in den letzten beiden Sommern stark in Mitleidenschaft gezogen, vor allem die im Solling weit verbreitete Fichte, die sich an die rasche Erwärmung nicht anpassen kann und der zudem noch der Borkenkäfer massiv zugesetzt hat – aber auch Laubbäume wie die Buche mussten vermehrt kapitulieren. Diesbezüglich war zumindest etwas Durchatmen im Sommer 2020 angesagt, denn nicht nur die geringere Anzahl an heißen Tagen, sondern auch die höhere Niederschlagssumme bei weniger Sonnenschein sorgten für ein Stück Entlastung in der Natur. Dennoch bleibt die Lage angespannt, denn für eine nachhaltigere Erholung hätte es schon einen Sommer der Kategorie kühl, trüb und verregnet gebraucht, wie sie zuletzt vor 40 Jahren gehäuft aufgetreten sind. Vorausgegangen war zudem ein rekordsonniges Frühjahr in diesem Jahr – letztlich bleibt die Erkenntnis, dass die Ansprüche unserer Natur an „gutes Wetter“ mittlerweile ganz andere sind als die der meisten von uns Menschen.

Doch zurück zu Zahlen und Fakten zum Thema Regen und Sonnenschein. Die Niederschlagssumme an der Station in Bevern lag in den drei Sommermonaten bei 231,9 mm (zu den Besonderheiten der August-Messwerte siehe Hitze, Gewitter und ein Tornado) und damit geringfügig über den Mittelwerten von 1981-2010 und 1991-2020 sowie exakt im Mittel der älteren Klimanorm von 1961-1990. Wie schon für den August gilt auch für den Gesamtsommer: Bevern hat mehr Regen abbekommen als die meisten anderen Stationen der Region. Vergleichbar viel wie Bevern meldete Lüchtringen mit 233,0 mm, in Hellental waren es 212,9 mm, allerdings herrscht dort auf 270 m Höhe am Rand des Sollings schon wieder ein deutlich feuchteres Klima, das es zu berücksichtigen gilt. Genaue Zahlen vor Ort liegen aber dazu noch nicht vor, denn in Hellental wird erst seit knapp zwei Jahren gemessen.

Deutlich länger ist die Messreihe in Silberborn, wenn auch leider von Oktober 2008 an für gut acht Jahre unterbrochen. An der im November 2016 im Kurgarten in Betrieb genommenen Station misst Ehrenbürgermeister Wolfgang Peter nach wie vor jeden Tag den gefallenen Niederschlag per Hand- und Augenablesung und notierte für den diesjährigen Sommer 255,3 mm – das ist zwar der höchste Wert der Region, aber auch hier sind die maßgeblichen Vergleichsgrößen die langjährigen Klimawerte vor Ort, und die wurden bezogen auf die Jahre 1981-2010 um rund 25 mm oder 9% verfehlt.

Im Nordkreis fiel weniger Regen: In Hehlen waren es an der im Juni 2018 in Betrieb genommenen Station 182,6 mm, in Ottenstein 173,5 mm und in Eimen-Vorwohle 190,7 mm. Und bei der nächsten Auswertung kommt noch eine weitere Messstelle des DWD im Kreis hinzu, die bisher ein wenig ein Schattendasein fristete:  In Polle, genauer auf dem Wilmeröder Berg, wird nun doch weiter gemessen und seit 1. August auch tagesaktuell über das Internet gemeldet. Bisher und letztmals im Juli waren dort die Werte noch auf Papierbögen erfasst und dann nach Offenbach zum DWD gesendet worden, wo die Eingabe in die Datenbanken erfolgte. Dieses zeitaufwändige Verfahren ist nun Geschichte, allerdings fehlen noch die Juli-Werte, so dass für den Sommer 2020 derzeit noch keine Jahreszeitensumme vorliegt.

Bleibt der Blick auf die Sonnenscheindauer: Sie lag mit glatt 600 Stunden zwar deutlich unter dem Niveau der beiden letzten Sommer, aber immer noch etwas höher als im langjährigen Mittel. Gegenüber den Jahren 1961-1990 schien die Sonne immerhin fast 60 Stunden länger, im Vergleich zum Durchschnitt der Zwischenperiode 1981-2010 lag das Plus bei 25 Stunden und das jüngste Mittel der letzten 30 Jahre wurde noch um hauchdünne zwei Stunden übertroffen. Und in dieser Kategorie reicht unsere Region auch mit 30 Jahren Verzögerung nicht an das eingangs erwähnte Rhein-Main-Gebiet heran: In Frankfurt lag das Mittel bereits von 1961-1990 bei 638 Stunden und ist seither auf 686 Stunden angestiegen.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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