Rekordwarmer Start und ein frostiges Ende

Der November 2020 war sehr mild, äußerst trocken und ungewohnt sonnig

Nachdem der sehr trübe Oktober in diesem Jahr den November quasi vorweggenommen hatte, präsentierte sich das Original deutlich freundlicher und ungewöhnlich abwechslungsreich. Den Monatsbeginn umwehte sogar noch ein Hauch von Spätsommer mit neuen Temperaturrekorden, auch danach blieb es häufig mild und trocken. Erst in der letzten Dekade gingen die Werte auf jahreszeitübliches Niveau zurück, am Ende wurde es verbreitet frostig. Die Sonne zeigte sich deutlich häufiger als im Durchschnitt, während die Niederschlagsbilanz ein markantes Defizit aufwies.

Mit einer Mitteltemperatur von exakt 7,00 °C war der November 2020 an der DWD-Station in Bevern um 1,72 Grad wärmer als im Mittel der Jahre 1981-2010. In der Zeitreihe Holzminden/Bevern ab 1934 ist der dritte meteorologische Herbstmonat zehnmal wärmer, dreimal gleichwarm und 73 Mal kälter ausgefallen. Das neue, ab 2021 offiziell gültige Temperaturmittel der Jahre 1991-2020 liegt für den November bei 5,64 °C, was einer Erwärmung von knapp 0,8 Kelvin gegenüber der Periode 1961-1990 entspricht. Der Mittelwert der vergangenen 15 Jahre liegt bereits bei 6,22 °C.

An der DTN-Wetterstation in Silberborn war der Temperaturüberschuss zwischenzeitlich noch etwas größer als im Wesertal, da häufig höhenwarme Luftmassen die ersten Novemberwochen bestimmten. Dafür fiel auch der anschließende Rückgang im Hochsolling ein Stück deutlicher aus, so dass am Ende mit einer Mitteltemperatur von 5,3 °C das dortige Klimamittel der Jahre 1981-2010 um vergleichbare 1,8 K übertroffen wurde. Der neue Referenzwert der Jahre 1991-2020 liegt in Silberborn bei 3,9 °C und damit ebenfalls fast 0,8 K über dem 30 Jahre älteren Durchschnittswert. Das Monatsende brachte auf der Stationshöhe von 428 m über NN sogar leichten Dauerfrost, der erste (leichte) Schneefall ließ sich aber noch Zeit bis in die Nacht zum 1. Dezember, die bereits zum meteorologischen Winter zählt.

Doch bevor es frühwinterlich wurde in der Region, erreichten die Temperaturen zu Monatsbeginn gebietsweise neue Rekorde. In Bevern wurde am 02.11. mit 21,0 °C der höchste je in der Region gemessene Novemberwert registriert, in Holzminden waren es sogar privat gemessene 21,2 °C. Erst einmal zuvor war in einem November die 20-Grad-Marke geknackt worden, das bisherige Maximum betrug 20,6 °C, stammte vom 01.11.1968 von der damaligen Klimastation Über dem Gerichte in Holzminden und hatte 52 Jahre Bestand, was in Zeiten beschleunigter Erwärmung ein ungewöhnlich langer Zeitraum ist. Auch der Tagesmittelwert von 17,7 °C übertraf den bisherigen Rekord deutlich. Ursache war eine kräftige Dynamik auf dem Nordatlantik in Gestalt des Ex-Hurricanes „Zeta“, der als mittlerweile normales, gleichwohl kräftiges Tiefdruckgebiet auf seinem Weg nach Nordosten einen kräftigen Schwall Subtropikluft in seinem breiten Warmsektor nach Mitteleuropa schaufelte.

Dieser Vorgang ist an sich noch nicht ungewöhnlich und führt nicht selten dazu, dass es auch im November noch einmal sehr mild werden kann, doch üblicherweise reicht es dann „nur“ für Werte um 15 Grad oder etwas darüber. Um aber die 20er-Marke so spät im Jahr zu übertreffen, müssen viele Rädchen ineinandergreifen, was an diesem 2. November auch der Fall war: Die Warmluftzufuhr muss über viele Stunden hinweg andauern, der entsprechende Sektor zwischen der Warmfront und der nachfolgenden Kaltfront des Tiefs also möglichst breit sein und die Zuggeschwindigkeit des Tiefs auch nicht allzu hoch. Dazu müssen die Höhenwinde weit heruntergemischt werden, damit die Warmluft auch die bodennahen Schichten erreicht und der vertikale Temperaturgradient möglichst voll ausgeprägt ist – zu dieser Jahreszeit ein schwieriges Unterfangen. Und schließlich braucht es auch die Unterstützung der Sonne, die Anfang November zwar bereits deutlich an Strahlungskraft verloren hat, aber noch stark genug ist, um den entscheidenden Unterschied auszumachen.

Auch in Silberborn war es an diesem Tag mit 17,7 °C Höchsttemperatur außergewöhnlich warm, der dortige Rekord vom 09.11.1983 von 18,6 °C wurde aber recht deutlich verfehlt.

Mit der nachfolgenden Kaltfront des Tiefs verschwanden die tiefroten positiven Anomalien zwar wieder aus den Karten, dennoch blieb es bis über die Monatsmitte hinaus überwiegend deutlich wärmer als im Durchschnitt. Beständiger Hochdruck über Südosteuropa sorgte dafür, dass kalten Luftmassen aus Norden oder Osten der Weg nach Mitteleuropa ebenso versperrt blieb wie atlantischen Tiefs, die es meist nur bis zu den Britischen Inseln schafften und im Zusammenspiel mit der Hochdruckzone im Südosten die Warmluftzufuhr aus Südwesten aufrecht erhielten. Dass es dabei dennoch ab der dritten Dekade zu einem recht deutlichen Temperaturrückgang kam, lag an einer sich über Mitteleuropa ausweitenden gradientschwachen Hochdruckbrücke, bei der die höhenwarme Luft aufgrund einer sich zunehmend ausbildenden Inversion die tieferen Schichten nicht mehr erreichen konnte, die Luftmassen also nicht mehr hinreichend durchmischt wurden – ein im Spätherbst häufig auftretender Wetterzustand. Als Folge kühlte die bodennahe Schicht mehr und mehr aus, es gab die ersten Nachtfröste und tagsüber blieben die Höchstwerte im einstelligen Bereich. Unter Zufuhr kälterer Luft auch in höheren Schichten sanken die Werte schließlich zum Monatsende weiter ab.

Da atlantische Tiefs bei dieser Konstellation kaum eine Chance hatten, nach Mitteleuropa vorzustoßen, blieb es an vielen Tagen trocken und die Niederschlagsbilanz deutlich unter den langjährigen Durchschnittswerten. So wurden in Bevern ganze 14,6 mm gemessen – fast 59 mm oder 80% weniger als im Mittel der Jahre 1981-2010. Nur dreimal – 1953, 1978 und im rekordtrockenen November 2011 – war es noch weniger, zudem waren sieben der letzten zehn November zu trocken, fünf davon deutlich. Für sich genommen markiert dies noch keine dramatische Entwicklung, da andere Monate diese Defizite oft ausgleichen konnten. Doch nach drei sehr warmen und sonnigen Jahren in Folge ist der Bedarf an Niederschlag natürlich gestiegen, auch während der vegetationsfreien Zeit, um die Grundwasserstände wieder aufzufüllen, so dass derzeit eigentlich jeder trockene Monat mit Sorge zu bewerten ist.

Wie auch immer: Auch an den anderen Messstellen in der Region fiel kaum oder nur sehr wenig Regen. Polle meldete 18,6 mm, Hehlen 12,5 mm, Lüchtringen sogar nur 10,9 mm; Ottenstein immerhin 23,7 mm, Vorwohle 16,8 mm, Hellental 24,1 mm und schließlich Silberborn 24,9 mm. Dort war das klimatologische Defizit in absoluten Zahlen mit 75 mm am größten. Die neuen 30-Jahresmittel ab 2021 für die Periode 1991-2020 betragen für Bevern 65,9 mm und für Silberborn ca. 95 mm.

Ein hochdruckgeprägter und trockener November geht nicht zwingend mit einer überdurchschnittlichen Sonnenscheindauer einher, Stichwort: (Hoch)Nebelproblematik mit ganztägigem Einheitsgrau. Davon war in diesem Monat aber nicht sehr viel zu sehen. Vor allem die Anzahl der Tage ohne einen erkennbaren Sonnenstrahl fiel mit vier ungewöhnlich niedrig aus, immerhin 21 Tage schafften über eine Stunde Sonnenschein, zwei davon sogar die zu dieser Jahreszeit astronomisch noch möglichen knapp acht Stunden. Man muss dabei natürlich berücksichtigen, dass von November bis Januar bei der Sonnenscheindauer in unserer Region die Zeit der ganz kleinen Brötchen herrscht und prozentual hohe Abweichungen nach oben dabei gern größer wirken als es die absoluten Zahlen sind.

So lag die Monatssumme von gut 72 Stunden einerseits um gut zwei Drittel über dem Mittelwert der Jahre 1981-2010, andererseits sind auch dies nur knapp zweieinhalb Stunden pro Tag im Schnitt – was aber dennoch für den viertsonnigsten November seit 1951 hinter 2011, 1989 und 2018 reichte. Die langjährigen Mittelwerte kommen trotz der beiden sonnigen Vertreter in den letzten drei Jahren aber auch nicht vom Fleck und verharren bei 45 Stunden.

Herbstbilanz: Sonnig, trocken und warm

Mit dem November ging auch der meteorologische Herbst zu Ende. Alle drei Monate fielen wärmer aus als im vieljährigen Durchschnitt, die Jahreszeittemperatur in Bevern lag mit 10,93 °C um 1,28 K über dem Mittel von 1981-2010, und erst die letzten recht kalten Novembertage verhinderten das Erreichen der 11-Grad-Marke. Damit war es hinter 2006, 2014 und 1982 zusammen mit 2000 der viertwärmste Herbst seit Messbeginn 1934. Seit 2013 war es nun immer mindestens zehn Grad warm, diese Marke wurde bis 2012 nur maximal dreimal am Stück erreicht oder übertroffen. In Silberborn war der Herbst 2020 mit 9,04 °C um 1,24 K wärmer als im dortigen Mittel des Vergleichszeitraums.

Beim Niederschlag wurden in Bevern mit 153,9 mm nur 73% des Mittels von 1981-2010 erreicht, einem überdurchschnittlich nassen Oktober standen ein trockener September und ein sehr trockener November gegenüber. Das gilt auch für Silberborn, wo mit 198,0 mm das dortige Klimamittel sogar um 90 mm oder gut 31% verfehlt wurde.

Umgekehrt zum Regen verhielt sich die Sonnenscheindauer: Deutlich überdurchschnittliche Werte im September und November konnten den sehr trüben Oktober sogar überkompensieren. Mit 325 Stunden schien die Sonne etwa 52 Stunden oder 19% länger als im 30-Jahresmittel von 1981-2010. Und erstmals seit dieser Parameter (ab 1951) flächendeckend erfasst wird, fiel der November vor Ort sonniger aus als der vorausgegangene Oktober.  

Nach dem Durchgang der Kaltfront von Tief „Sarah“ am 23.11. bei Lüchtringen:
Aufgelockerte Bewölkung in klarer Luft. Dieser Vorgang wird auch als postfrontale Subsidenz bezeichnet

Der Eindruck täuscht: Der November 2020 – hier bei Lüchtringen – war ausgesprochen trocken.
Der letzte Sonnenaufgang im Herbst 2020 am 30.11.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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