Zwischen Dauerfrost, Wärmerekorden und Industrieschnee

Der Dezember 2021 brachte ein Auf und Ab bei den Temperaturen, kaum Sonnenschein und wenig Niederschlag

Titelfoto: Annette Mokross

Fast die gesamte Spannbreite mitteleuropäischen Frühwinterwetters präsentierte der Dezember 2021 in der Region: Zu den zu dieser Jahreszeit unvermeidlichen zahlreichen dauertrüben Tagen mit Hoch- oder Bodennebel gesellten sich auch kurze freundliche Ausnahmen, an einigen Tagen herrschte Dauerfrost, an anderen blieb es nasskalt, zwischenzeitlich wurde es milder – man könnte auch kurz zusammenfassen: Keine besonderen Vorkommnisse, wozu auch das Ausblieben nennenswerter Schneefälle zählte – und auch aus der weißen Weihnacht wurde einmal mehr nichts. Doch zum Jahresende sorgte ein markanter Vorstoß sehr milder Luftmassen für neue Temperaturrekorde und damit für eine Fortdauer der seit elf Jahren andauernden Serie mehr oder weniger klar überdurchschnittlich temperierter Dezember. Dazu war es im vierten Monat in Folge deutlich zu trocken und die Sonne zeigte sich noch seltener am Himmel als es im dunkelsten Monat des Jahres ohnehin üblich ist bei uns.

Kaum Wind unter Hochdruckwetter im zweiten Monatsdrittel – gut zu sehen am fast senkrecht aufsteigenden Dampf über dem KKW Grohnde bei Hameln ©Annette Mokross


Mit einer Monatsmitteltemperatur von 3,64 °C war der Dezember 2021 an der DWD-Station in Bevern um knapp 0,9 Kelvin wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020. Nach dem 28.12. war die Bilanz noch ausgeglichen, das Plus ist also, wenn man so will, allein auf die letzten drei Tage zurückzuführen. Gegenüber der älteren Klimaperiode von 1961-1990 betrug die positive Abweichung 1,9 K. Abgesehen von den Temperaturrekorden an den letzten beiden Tagen mit Höchstwerten bis 15,0 °C und Tagesmitteln bis 13,6 °C (siehe: Rekordwarmer Jahreswechsel) war es zuvor gar nicht einmal so unwinterlich: Zwar platzten die Träume von der klassischen (und bei uns ohnehin sehr seltenen) weißen Weihnacht mit einer satten Schneedecke zum Heiligen Abend ein paar Tage vor dem Fest, nachdem zuvor einige Wettermodelle durchaus solche Optionen angezeigt hatten, aber zu den Feiertagen stellte sich kreisweit Dauerfrost und in den höheren Lagen sogar ein ganz klein wenig Schnee ein. Es gab 2021 also stellenweise „weiße Weihnacht light“. Die Bilanz von vier Eis-, zwölf Frost- und 19 Bodenfrosttagen an der Beveraner Station war gemessen an der jüngeren Vergangenheit überdurchschnittlich, mit -8,7 °C gab es die kälteste Dezembernacht seit neun Jahren und auch die Kältesumme von 16,7 Kelvin war zwar unspektakulär, gleichwohl aber die zweithöchste nach 2010.

Ähnlich in der Bilanz, aber anders in den Details präsentierte sich das Dezemberwetter im Hochsolling an der DTN-Unwetterreferenzstation in Silberborn: Höhenlagenbedingt gab es mehr Frosttage (19) und sogar ein paar dünne Schneedeckentage, unter dem Strich fiel das Plus bei der Temperatur mit 1,2 K gegenüber der Periode 1991-2020 und 2,1 K gegenüber 1961-1990 aber noch etwas größer aus als im Wesertal. Hauptgrund dafür war die Hochdrucklage vor Weihnachten, die unten für trostlose Nebelstimmung im Dauerfrost sorgte, weiter oben aber für Sonnenschein und tagsüber leichte Plusgrade. Die Monatsmitteltemperatur erreichte auf 428 m Stationshöhe 1,9 °C, die Zahl der Eistage lag mit drei jedoch unter der in Bevern. Neue Tagesrekorde zum Jahresende wurden mit bis zu 11,8 °C an Silvester auch in Silberborn gemessen, der tiefste Wert war eine -9,0 in der Nacht zum 22.12.

Die Analyse der Großwetterlagen zeigt für die erste Dekade vorwiegend Tiefdruckeinfluss aus Nordwesten und Norden, wobei die Niederschläge sehr überschaubar blieben. Es folgte eine bis kurz vor Weihnachten andauernde Hochdruckphase, die es gleich noch etwas genauer zu betrachten gilt, bevor sich ab 23. wieder Tiefdruck aus Westen mit teils ergiebigen Regenfällen durchsetzen konnte, unterbrochen durch Zwischenhocheinfluss an den Feiertagen. Die letzten Tage gehörten dann mit Südwest dem zu dieser Jahreszeit wärmstmöglichen Witterungstyp.

Dass Hochdruck in den Herbst- und Wintermonaten nur selten mit „Schönwetter mit viel Sonnenschein“ gleichzusetzen ist und wenn doch, dann deutlich eher in den Höhen des Sollings als in den Niederungen des Wesertals zu finden ist, zeigten die Tage zu Beginn der Weihnachtswoche wieder einmal exemplarisch. Während in der Vorwoche nirgends in der Region auch nur ein Sonnenstrahl zu finden war und die relative Luftfeuchte oft die Sättigungsgrenze von 100% erreichte, trocknete es anschließend in den höheren Lagen ein Stück ab und die Sonne kam zum Vorschein.

Weiter unten blieb es hingegen nicht nur trüb, ab den Abendstunden des 20.12. zeigte sich zumindest in der Kreisstadt ein Wetterphänomen, das leider in keiner offiziellen Beobachtung und Statistik auftaucht: Aus der extrem feuchten Luft in der Inversionsschicht fiel leichter Niederschlag, ohne dass dieser vom Radar oder den automatischen Messgeräten erkannt wurde. Gewöhnlich handelt es sich dabei um Nebelnässen, der sich als Tau oder Reif an Böden und Gegenständen absetzt und daher als „abgesetzter Niederschlag“ bezeichnet wird.

Doch das, was viele Holzmindener an diesen beiden Tagen auf Dächern, Fußwegen, teils auch Straßen und Autos vorfanden, war anders als in den Dörfern mit ehrenamtlichen DWD-Beobachtern echter Schnee. Wie kann es dazu kommen, dass offenbar nur im Stadtgebiet dieser Schnee zum Liegen kam? Die einzig schlüssige Erklärung lautet: Industrieschnee. Dabei handelt es sich um ein bei winterlichen Inversionslagen gelegentlich auftretendes Wetterphänomen, wenn die Luft zudem sehr feucht ist, so gut wie kein Wind geht und die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen. Durch Emissionen aus Industrieanlagen (hauptsächlich Wasserdampf oder Kondensationskerne), aber auch durch Abgase im Straßenverkehr oder aus Schornsteinen entsteht dann in geringen Höhen von ca. 100-200 m diese besondere Form sehr feinen festen Niederschlags. Aufgrund der deutlich höheren Emissionsbelastung sind die Rahmenbedingungen für ein solches Ereignis in der Stadt Holzminden „besser“ als in der ländlichen Umgebung und gleichzeitig auch ein Indikator für die Luftverschmutzung.

Industrieschnee auf einem Auto in Holzminden am Abend des 22.12. Foto: Holger Friedrich

Übrigens: Nicht nur Schadstoffpartikel, auch sich daran anheftende Krankheitserreger wie das Coronavirus können sich bei solchen Bedingungen in der Außenluft anreichern, weil sie nicht wie sonst vom Wind fortgetragen werden. Auch wenn Details dazu noch wenig erforscht sind, empfiehlt sich bei solchen sehr austauscharmen Wetterlagen zu dieser Jahreszeit für empfindliche und gefährdete Personen zum Eigenschutz das Tragen einer FFP2-Maske auch unter freiem Himmel zumindest vorübergehend dort, wo Menschen zusammenkommen.

Mit dem Wechsel hin zu einer Westwetterlage verschwand die „abgestandene“ Luft einen Tag vor Weihnachten und wurde durch frische Meeresluft mit teils kräftigen Regenfällen ersetzt. Und auch nach den Feiertagen regnete es nochmals verbreitet in der Region, doch unter dem Strich stand dennoch der bereits vierte deutlich zu trockene Monat in Folge. Mit einer Summe von 42,4 mm fiel in Bevern wiederum nur gut die Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags, an den anderen Messstellen des DWD im Umkreis sah es mit Quoten von ca. 50-65% ähnlich bzw. kaum besser aus. Am meisten fiel noch im Solling mit 64,8 mm in Silberborn, was im dortigen feuchteren Klima aber auch nur 68% des Klimamittels der letzten 30 Jahre entspricht, in denen der Dezember gegenüber den vorherigen 30 Jahren bereits rund 10% trockener geworden ist.

Schnee war rar, aber nicht komplett Fehlanzeige, wie die offiziellen Daten abseits des Industrieschnees in Holzminden zeigen: Während an den Stationen in Bevern, Lüchtringen, Polle und Hehlen „die Null stand“ und es in Ottenstein nur zweimal Schneeflecken zu melden gab, schafften Amelith und Hellental immerhin zwei, Vorwohle sogar drei zugegeben dünne Schneedeckentage. Spitzenreiter war Silberborn mit sechs plus ein paar Tagen mit Schneeflecken, von Rodel- oder Wintersportmöglichkeiten blieb man aber auch dort weit entfernt.

Der Wind frischte in den Tiefdruckphasen teils auf mit Böen von Beaufort 5-6, nur am 01.12. gab es verbreitet Böen der Stärke 7 und vereinzelt war in freien Lagen auch mal eine Sturmböe dabei. Unter der Hochdruckglocke vor Weihnachten „schlief“ der Wind zeitweise völlig ein. Die Sonne, ohnehin nur ein seltener Gast am Dezemberhimmel, brachte es nur auf gut 22 Stunden, was nicht einmal zwei Dritteln der durchschnittlichen Dauer entspricht. Insgesamt schloss das Jahr damit sehr trüb ab, nur ganze zweimal gab es nach 1988 noch weniger Sonnenschein als 2021, doch das soll dann eines der Themen des in Kürze folgenden Jahresrückblicks sein.

Der Köterberg ragte aus dem Nebelmeer heraus…
… und auch die Sonne konnte sich dort am Nachmittag des 21.12. zum Untergang
eindrucksvoll in Szene setzen Fotos: Annette Mokross
Foto: A. Mokross

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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