Ein November, der lange keiner sein wollte

Der dritte Herbstmonat war lange mild, kurz frühwinterlich, außergewöhnlich sonnig und viel zu trocken

Nach dem warmen Oktober blieb auch die erste Novemberhälfte deutlich überdurchschnittlich temperiert, bevor sich binnen weniger Tage ein Frühwintermezzo mit Schnee bis in die Niederungen einstellte. Bis zum Ende der zweiten Dekade zeigte sich zudem die Sonne ungewöhnlich häufig am Himmel. Erst in der letzten Woche herrschte dann klassisches Novemberwetter mit meist geschlossener, hochnebelartiger Bewölkung und etwas Sprühregen, so dass der letzte meteorologische Herbstmonat mal goldener Oktober, mal Dezember und mal er selbst sein wollte. Nur eines war er fast durchgehend: Erneut deutlich zu trocken – daran konnten auch ein paar regnerische Tage nach Monatsmitte nichts ändern.

Gänseflug vor frühwinterlicher Kulisse am 19.11. ©A. Mokross

Mit einer Monatstemperatur von 7,23 °C war der November 2022 an der DWD-Klimastation in Bevern um 1,6 K wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020. Gegenüber der älteren Klimanorm von 1961-1990 betrug das Plus fast 2,4 K. In der Zeitreihe seit 1934 fielen nur acht November noch milder aus, drei weitere waren etwa gleich temperiert. Hinter dem Monatsmittelwert verbirgt sich diesmal eine besonders große Spanne zwischen den Extremwerten:  Betrug das Maximum, gleich am Monatsersten erzielt, 18,1 °C, lag das Minimum in der Nacht zum 20. mit -6,9 °C so tief wie noch nie seit Bestehen des Stationsstandorts Bevern (2006) in einem November. In der Region war es auf vergleichbarer Höhe die kälteste Novembernacht seit 1998. Dazu gesellte sich während dieses zwar kurzen, aber recht intensiven und nicht mehr häufig vorkommenden Frühwintereinbruchs eine Schneedecke von 3 cm Höhe am Morgen des 21.11. – so viel gab es im November zuletzt vor zwölf Jahren. An immerhin drei Tagen vom 19.-21. blieb das Tagesmittel negativ, ein Eis- bzw. Dauerfrosttag wurde aber knapp verfehlt. Anschließend zog sich der Winter wieder zurück und von Westen erreichte uns mildere Luft mit wieder überdurchschnittlichen Tages- und Nachtwerten.

An der DTN-Wetterstation in Silberborn war es wie im Oktober relativ zum Sollingklima noch etwas milder: Mit einer Monatstemperatur von 5,8 °C betrug die Abweichung zum aktuellen 30-Jahres-Mittel +1,9 K und zum älteren Mittel +2,7 K. In der Hochsolling-Klimareihe, gestartet in den 1930er-Jahren in Torfhaus, war es der achtwärmste November. Auf der Stationshöhe von 428 m betrug die Spanne zwischen Höchst- und Tiefstwert des Monats ebenso wie in Bevern auf 110 m genau 25,0 Kelvin: Am wärmsten wurde es am 1. mit 15,6 °C und am kältesten in der Nacht zum 20. mit -9,4 °C. Auch in Silberborn wurde es damit so kalt wie seit 1998 nicht mehr in einem November. Anders als im Tal gab es sogar zwei Eistage, dazu eine vorübergehende Schneedecke von bis zu fünf Zentimetern, was in Silberborn zu dieser Zeit im Jahr aber nicht ungewöhnlich ist. Die anschließende Milderung ließ den ersten Schnee auch im Solling wieder rasch verschwinden. Die Summe der Frosttage blieb in Silberborn wie in Bevern mit vier gleichfalls übersichtlich wie unterdurchschnittlich.

Morgensonne am 10. November ©A. Mokross

Die Analyse der Großwetterlagen zeigt in der ersten Monatshälfte eine vorwiegende Südwestströmung, was den hohen Temperaturüberschuss in diesem Zeitraum gut erklärt. Anschließend stellte sich eine winkelförmige Westlage ein, bei der die atlantische Frontalzone an der Westseite eines blockierenden Hochs über Russland scharf nach Norden abbiegt. Für unsere Region bedeutet dies meist milde Luft und moderate Tiefdrucktätigkeit, während weiter östlich kältere Festlandsluft wirksam ist. Ein vorübergehendes Anzapfen dieser Luftmasse durch ein Hoch über Skandinavien, das die Strömung auf Ost drehen ließ, sorgte dann auch für den kurzen Winterbesuch zum Ende der zweiten Dekade. Anschließend gewann wieder die Westlage die Oberhand.

Auch wenn es sich um überwiegend als zyklonal, also tiefdruckgeprägte Wetterlagen handelte: Die Trockenheit der letzten Monate konnte der November nicht beenden. Im Gegenteil, das Niederschlagsdefizit in der Region wuchs weiter an. Die Monatssummen an den Messstellen im Kreis und den angrenzenden Regionen weisen wie üblich gewisse Unterschiede auf, die sich aber nur darauf beschränken, wie groß das Minus zum jeweiligen langjährigen Durchschnitt war. In Bevern fiel mit 31,3 mm nicht einmal die Hälfte des Klimawerts, in Lüchtringen gab es mit 33,0 mm nahezu dasselbe Bild. Polle und Ottenstein schafften mit 42,6 bzw. 48,7 mm immerhin die 60%-Marke, Hehlen mit 46,6 mm „sogar“ gut 70%. In Vorwohle waren es 41,4 mm (58%) und im Solling und seinen Ausläufern wurden 53,0 mm aus Hellental, 49,1 aus Amelith (je gut 60%) und 48,5 mm aus Silberborn gemeldet, was dort nur 52% des 30-Jahres-Mittels entspricht. Wenige Wochen vor Jahresende deutet in Silberborn immer mehr darauf hin, dass der Jahreswert des Trockenjahres 2018 (732 mm) in diesem Jahr noch unterboten wird.

Wie so oft in diesem Jahr ging auch im November das Minus beim Regen mit einem deutlichen Plus beim Sonnenschein einher. Mit 84,4 Stunden wurde der dritthöchste Wert seit Beginn der Aufzeichnung dieses Parameters im Jahr 1951 erzielt – nur 2011 und 1989 zeigte sich die Sonne mit 104 bzw. 93 Stunden zu dieser fortgeschrittenen Jahreszeit noch häufiger. Dass der November auch anders kann, zeigte die letzte Woche, deren sieben Tage gerade noch 3,4 Stunden in Summe beisteuerten. Da diese Umstellung auf eine sehr trübe Wetterlage einen nachhaltigen Charakter aufzuweisen scheint, dürfte es wohl nicht ganz für einen neuen Jahresrekord reichen. Um die 1.934 Stunden aus dem Jahr 1959 zu übertreffen, müsste der Dezember noch 50 Stunden „liefern“ – ein nach aktuellem Modellstand unwahrscheinliches Szenario.

Herbstbilanz: Sonnig, trocken und mild

Mit dem November endete auch der meteorologische Herbst, der als einer der wärmsten und sonnigsten in die lokalen Wetterbücher eingeht. An der Station in Bevern betrug die Mitteltemperatur 11,2 °C, wärmer war es im Oberwesertal nur in den Jahren 1982, 2014 und beim Rekord 2006 (12,8 °C). Beim Sonnenschein bedeuten rund 370 Stunden Rang sechs, hier stammt der Spitzenwert aus dem Jahr 1959 mit 490 Stunden. Zwar blieb der Herbst seit 1934 immerhin 19 mal noch trockener, allerdings fielen in diesem Jahr auch schon Sommer und Frühjahr deutlich zu trocken aus. In Bevern fehlten mit einer Summe von 136,3 mm fast genau 30% zum Klimamittel 1991-2020.

Die Niederschlagsbilanz in Silberborn fiel nahezu identisch aus: Gemessen wurden 187 mm, der langjährige Durchschnitt liegt bei 266 mm – auch hier fehlen also weitere 30% nach sogar noch trockenerem Frühjahr und Sommer als im Wesertal. Mit 9,65 °C war es am Standort der drittwärmste Herbst, die ersten beiden Plätze belegen auch im Hochsolling 2006 (11,2 °C) und 2014 (10,1 °C), während 1982 (9,5 °C) auf den vierten Platz verdrängt wurde.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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