Zwischen Dauerfrost und Wärmerekorden

Temperaturextreme prägten den Dezember 2022 – Regenreiches letztes Drittel

Blickt man nur auf die Mitteltemperatur des ersten meteorologischen Wintermonats, könnte man auf die Idee kommen, es habe sich um einen zwar leicht unterdurchschnittlichen, aber insgesamt unauffälligen oder sogar langweiligen Dezember gehandelt. Doch hinter diesem Glättungseffekt des arithmetischen Mittels verbergen sich zwei markant gegensätzliche Witterungsperioden: Eisig kalt mit Dauerfrost und sogar etwas Schnee präsentierte sich die zweite Monatsdekade, bevor eine 180-Grad-Kehrtwende hin zu milder West- und Südwestströmung nicht nur für ein weiteres grünes Weihnachtsfest, sondern zum Jahresende auch für erneute Wärmerekorde sorgte. Mit der Atlantikluft kam auch der dringend benötigte Regen und brachte noch ein leichtes Plus beim Monatsniederschlag. Auch die Sonne zeigte sich geringfügig länger als im langjährigen Durchschnitt.

Kalte Füße gab’s auf der Weser währen der Dauerfrostperiode in der zweiten Dekade ©A. Mokross


Mit einer Monatstemperatur von 2,13 °C war der Dezember 2022 an der DWD-Klimastation in Bevern um 0,6 K kälter als im Mittel der Jahre 1991-2020. Gegenüber der älteren Klimanorm von 1961-1990 ergab sich hingegen ein kleines Plus von 0,4 K. Damit war es immerhin der kälteste Dezember seit 2010, der seinerzeit nicht nur vorübergehend, sondern fast durchgehend hochwinterlich ausgefallen war. Nach einer mäßig kalten ersten Dekade ging es zu Beginn der zweiten in den Dauerfrostbereich, in dem die Temperaturen für acht Tage verharrten. In diese Phase fielen auch mehrere Nächte mit strengem Frost unter -10 Grad, direkt über dem Erdboden wurden fast -15 erreicht – und das alles ohne Schneedecke. Die hatte sich in den Niederungen nur kurzzeitig am Ende der ersten Woche gebildet und war noch vor dem Kaltlufteinbruch wieder abgetaut.

Die Milderung vollzog sich am 19. mit einer unfallträchtigen Glatteislage, als Regen auf die noch gefrorenen Böden fiel. Anschließend setzte eine beeindruckende „Aufholjagd“ bei den Temperaturen ein, die mit einem neuen Monatsrekord bei den Höchstwerten mit 18,1 °C am Silvestertag ihren Höhepunkt erreichte und den über 45 Jahre alten Dezemberrekord vom 24.12.1977 um volle zwei Grad hinter sich ließ. Die negative Abweichung der Monatstemperatur konnte dadurch zwar nicht mehr komplett getilgt, aber doch erheblich reduziert werden. Nach dem 18. hatte die fortlaufende Mitteltemperatur noch -1,9 °C betragen, am Ende stand mit +2,1 °C ein um vier Grad höherer Wert. Ähnlich markante Aufwärtsentwicklungen im Laufe der zweiten Monatshälfte hatte es zuletzt im Februar 2021 und beim Dezember im Jahr 2012 gegeben.

Winterliche Landschaft am Wilmeröder Berg ©Annette Mokross

An der DTN-Wetterstation in Silberborn war der winterliche Abschnitt mit deutlich mehr Schnee als im Wesertal verbunden. Am Vormittag des 5. wuchs die Schneedecke auf über zehn Zentimeter an, ein Teil davon taute rasch wieder, aber ein Rest konnte sich in die Dauerfrostphase retten, die in Silberborn sogar zehn Tage anhielt. Doch mit dem 19.12. endete auch im Hochsolling der Dezemberwinter und machte einer regenreichen und milden Wetterlage Platz, inklusive eines neuen Rekordwerts zu Silvester, der wie in Bevern die bisherige Dezember-Bestmarke um glatt 2 Grad übertraf. Der alte Rekord in Silberborn betrug 13,0 °C und stammte vom 01.12.1984. Bei der Monatstemperatur blieb mit 0,66 °C am Ende nicht einmal mehr ein Zehntelgrad vom Minus gegenüber dem Klimawert von 1991-2020 übrig. Relativ gesehen war es also oben im Solling weniger kalt als unten im Wesertal, wo sich während der Frostphase die schwere Kaltluft sammeln und es in den windschwachen und klaren Nächten noch stärker auskühlen konnte.

Die Analyse der Großwetterlagen zeigt zu Monatsbeginn eine Mischung aus tiefdruckgeprägten Nord- und Ostlagen, wobei meist geschlossene Bewölkung eine stärkere nächtliche Abkühlung verhinderte. Die anschließende hochwinterlich kalte Phase entstand im Zuge einer südlichen Westlage, was zunächst paradox klingt, vermutet man dahinter doch eher eine milde Witterung. Doch gerade in der Nordhälfte des Landes verbirgt sich dahinter vielmehr eine vorwiegende Ostwindlage, da die atlantische Frontalzone, auf der die Tiefs bei einer zonalen Zirkulationsform von West nach Ost ziehen, deutlich nach Süden verschoben ist. Dadurch ziehen die Tiefdruckgebiete durch das Mittelmeer und sorgen nördlich davon aufgrund ihrer gegen den Uhrzeigersinn gerichteten Drehbewegung für eine bodennahe Ostströmung, mit der kalte Festlandsluft nach Mitteleuropa transportiert wird. Druckanstieg über Osteuropa und eine Nordwärtsverlagerung der Frontalzone sorgten zum Ende der zweiten Dekade für eine Rückdrehung der Strömung auf Südwest und eine deutliche Milderung, auf die eine glatte klassische Westlage folgte und schließlich ein weiterer markanter Warmluftvorstoß aus Südwesten zum Monatsende.

Erst diese Umstellung sorgte im Laufe der dritten Dekade für ergiebige und dringend benötigte Regenfälle, denn bis dahin drohte auch der Dezember wie die meisten Monate des Jahres zu trocken auszufallen. Zwar brachte die Tiefdrucklage am 4. und 5. kräftige Niederschläge, teils als Regen, teils als Schnee, doch schon bald folgte mit Einfließen der kalten Festlandsluft eine längere trockene Phase. Vor allem an den beiden Tagen vor Heiligabend und am ersten Weihnachtstag wurden aber endlich die Schleusen geöffnet mit mehrfach zweistelligen Tagessummen, wobei der höchste Wert im Silberborn am 25. mit über 30 mm erzielt wurde.

Sonnenaufgang über der vereisten Weser am 17.12.2022 bei Polle ©A. Mokross

Die Monatsbilanz in der Region fiel dadurch erstmals seit längerer Zeit zumindest gebietsweise leicht überdurchschnittlich aus, ohne dass das über das Jahr hinweg aufgelaufene Defizit noch nennenswert reduziert werden konnte. In Bevern wurden 85,8 mm gemessen, immerhin ein Plus von gut 9 mm oder 12% gegenüber dem Mittel der Jahre 1991-2020. Sogar 114 mm waren es in Silberborn (+9%), Platz zwei im Umkreis geht an Hellental mit 106,8 mm, Amelith meldete 98,4 und Polle 89,6 mm. Nur durchschnittliche oder sogar leicht darunter liegende Mengen gab es in Vorwohle mit 75,8 mm, in Lüchtringen mit 72,9 mm sowie in Hehlen mit 70,5 mm.

Feuchte und milde Luft mit Regen setzte sich in den Tagen vor Weihnachten
durch und blieb bis Monatsende ©A. Mokross

Der Großteil dieser Niederschläge fiel als Regen, doch wenigstens über etwas Schnee durften sich die Winterfreunde in der Adventszeit auch in den Niederungen freuen. Meist waren es 2-5 Tage zwischen dem 3. und 7., an denen es überwiegend weiß wurde, in den Hochlagen des Sollings auch länger. Zum offiziellen Messtermin am Morgen um 06:50 Uhr meldeten Amelith und Hellental fünf Tage mit bis zu fünf Zentimetern, Bevern hatte zwei Tage mit bis zu vier Zentimetern, am meisten Schnee mit bis zu 10-11 cm gab es in Polle, Vorwohle und Silberborn. Einerseits eine zwar nicht wirklich üppige und mit wenigen Ausnahmen auch nur kurzlebige Schneephase, anderseits aber mehr als in den meisten Dezembern der letzten zehn Jahre.

Die Sonne zeigte sich wie zu dieser Jahreszeit üblich an den meisten Tagen nur selten oder gar nicht am Himmel. Die Ausnahme bildete die trockenkalte Phase in der zweiten Dekade, die im Zusammenspiel mit einer Reiflandschaft für viele schöne Wintermotive sorgte, wie es sie lange nicht mehr gegeben hatte. Zwischen dem 12. und 18. schien die Sonne immerhin gut 34 Stunden lang, was genau dem Durchschnitt des Gesamtmonats der Jahre 1991-2020 entspricht. Zusammen mit den wenigen lichten Momenten der restlichen überwiegend grauen Tage gab es in der Monatsbilanz sogar ein kleines Plus von 3,5 Stunden oder zehn Prozent. Zwei sonnige Wintertage oder ein sonniger Sommertag fehlten am Ende für einen neuen Jahresrekord bei der Sonnenscheindauer, die mit 1.922 Stunden erst zum zweiten Mal nach 1959 die Marke von 1.900 Stunden übertraf.

Sonne, Mond und Raureif zur Monatsmitte am Wilmeröder Berg ©A. Mokross

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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