Ein weiteres Jahr im Zeichen des Klimawandels

Hitzerekorde, sehr viel Sonnenschein, Trockenheit und ein Tornado prägten das Wetter 2022

„Erstmals steht die 11 vor dem Komma“ – so lautete die Überschrift vor zwei Jahren bei der Rückschau auf das Wetterjahr 2020 für die langjährige Klimareihe Bevern/Holzminden. Nach nur einem Jahr Verschnaufpause mit gemäßigteren Temperaturen kratzte das Jahr 2022 erneut am Wärmerekord bei der Jahrestemperatur und landete am Ende ebenfalls bei genau 11,0 °C, während in Silberborn mit 9,26 °C sogar das wärmste Jahr seit Beobachtungsbeginn im Hochsolling gemessen wurde. Dazu gab es neue Allzeitrekorde mit fast 39 Grad in den Niederungen und über 36 Grad in Silberborn am 20. Juli, 400 Stunden mehr Sonnenschein als im langjährigen Jahresmittel und erneut zu wenig Regen. Überregionale Schlagzeilen machte am 20. Mai ein Tornado, der eine Schneise der Verwüstung von Merxhausen bis Mackensen hinterließ. Mit anderen Worten: Die Auswirkungen des Klimawandels schlugen sich deutlich im Wetter des Jahres 2022 nieder. Neue Wärmerekorde weit über den bisherigen Höchstwerten zu Silvester rundeten dieses Bild exemplarisch ab.

Mit einer Jahrestemperatur von 11,0 °C war es 2022 an der DWD-Station in Bevern genauso warm wie im Rekordjahr 2020. Eine noch genauere Darstellung scheitert leider am mehrtägigen Ausfall der Elektronik im Februar, als mehrere Tageswerte nachträglich geschätzt wurden. Doch ob nun ein Hundertstel Grad mehr oder weniger – der Aufwärtstrend beschleunigt sich auch in unserer Region zunehmend, da fällt ein durchschnittlich temperiertes Jahr wie 2021 beim Blick auf die jüngste Vergangenheit bereits aus dem Rahmen. Die vier wärmsten Jahre seit Messbeginn im Sommer 1934 fallen alle in die fünf Jahre ab 2018, sieben der wärmsten zehn in die Jahre seit 2014 und die 15 wärmsten allesamt in die Zeit seit 1999.

Wie schon 2020 kam der Jahresrekord ohne neue Höchstmarken bei den Monatsmittelwerten zustande, es fehlten aber vor allem erneut deutlich zu kalte Monate im Vergleich zu den langjährigen Klimawerten, die bezogen auf die jüngste 30-Jahres-Periode 1991-2020 nur im April, September und Dezember ein Stück verfehlt wurden. Gegenüber der Periode 1961-1990 lagen sogar alle zwölf Monate im Plus – ein Novum in der bundesweiten wie regionalen Wettergeschichte. Herausragend waren neue Allzeitrekorde im Juli mit bis zu 38,7 °C am Standort Bevern sowie das neue Dezembermaximum von 18,1 °C, aufgestellt am letzten Tag des Jahres. Die Anzahl der heißen Tage mit mindestens 30 Grad Höchsttemperatur erreichte mit 20 den 3. Platz seit Messbeginn hinter 2018 und 2003. Wärmster Monat war der August mit über 20,5 °C Mitteltemperatur, am kältesten schnitt der Dezember mit 2,1 °C ab, der zugleich den einzigen längeren winterlichen Abschnitt des Jahres und mit -12,0 °C auch das Jahresminimum bei der Lufttemperatur beisteuerte.

An der Wetterstation in Silberborn muss keine Diskussion über die zweite Nachkommastelle geführt werden – dort war es mit 9,26 °C klar das wärmste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn im Hochsolling in den 1930er Jahren. Der bisherige Rekord stammte anders als in Bevern aus dem Jahr 2018 und wurde um 0,15 K übertroffen. Auch auf fast 430 m Stationshöhe brachte der 20. Juli mit 36,3 °C einen neuen Allzeitrekord. Am kältesten wurde es am 13. Dezember mit -10,4 °C, zugleich der einzige Strengfrost des gesamten Jahres.

Der Baum des Jahres 2022 – die Rotbuche – vor frühsommerlicher Kulisse in Silberborn Ende Mai 2022. Ein typisches Bild im zweitsonnigsten Jahr seit Aufzeichnungsbeginn…

Ein kurzer Streifzug durch das Wetterjahr beginnt mit einem sehr milden Winter fast ohne Schnee und nur gelegentlich leichtem Frost, wobei der Februar mit Abstand der regenreichste Monat des Jahres wurde. Der März brachte viele Hochdruckwetterlagen mit einem neuen Sonnenscheinrekord und kaum Niederschlag, wechselhafter ging es im April zu, bevor der Mai die ersten sommerlichen Witterungsphasen brachte – inklusive eines Tornados, der am 20. in Merxhausen und Mackensen wütete, eine Reihe von Dächern abdeckte und eine alte Allee aus gestandenen Eichen zwischen den Ortschaften quasi rasierte.

Der anschließende meteorologische Sommer war der drittwärmste und sonnigste der Historie und zudem deutlich zu trocken. Immerhin einige Starkregenereignisse, so am 30. Juni in der Kreisstadt mit teils über 40 Litern in einer Stunde, polierten die Statistik zwar etwas auf, hatten aber kaum Nutzen für die zunehmend ausgetrockneten Böden. Auch der September begann sehr warm, zeigte sich in der zweiten Hälfte dann aber von seiner kühlen und herbstlichen Seite, während der Oktober im Monatsverlauf entgegen dem üblichen jahreszeitlichen Trend immer wärmer wurde. Nach dem drittsonnigsten November sorgte der Dezember für markante Kontraste mit einer hochwinterlich kalten zweiten Dekade und einer regenreichen und außergewöhnlich milden Jahresendrallye.

Doch die ergiebigen Niederschläge um die Weihnachtszeit konnten die negative Jahresbilanz kaum noch verbessern, wie ein Blick auf die Summen in der Region zeigt. In Bevern, wo wegen des Stationsausfalls im Februar kein offizieller Wert seitens des DWD verfügbar ist, errechnen sich mit 659 mm nur 83% des langjährigen Mittelwerts, in Silberborn reichten gemessene 758 mm sogar nur für 72%. Zusammen mit dem heißen und sonnigen Sommer war 2022 erneut kein gutes Jahr für den Wald in der Region. Zwar hatte das Vorjahr kaum Hitze und deutlich weniger Sonnenschein gebracht, zu trocken war es dennoch ausgefallen. Damit zeigt sich seit 2008 ein Abwärtstrend bei den Niederschlägen. Seither wurden die 30-jährigen Mittelwerte nur noch einmal überschritten (2017), alle anderen elf Jahre verfehlten den Klimawert hingegen mehr oder weniger deutlich. Dieses Fazit gilt nicht nur für die beiden genannten Standorte, sondern auch für die weiteren Niederschlagsstationen in der Region, deren Messwerte regelmäßig in den Monatsberichten aufgeführt werden.

… dessen Schattenseiten sich in den trockenen Böden zeigten wie im Hochmoor Mecklenbruch im August. Die hier heimische Moorbirke ist übrigens der Baum des Jahres 2023.

Bevor im Jahr 2024 ein neues Messverfahren beim DWD Einzug hält, wird die Sonnenscheindauer noch überwiegend mit Sonnenenergiesensoren an Masten mit meist 6-8 Metern Höhe über Grund erfasst. Diese sind weniger flächendeckend aufgestellt als Niederschlagsmesser, für die Gebiete dazwischen ohne direkte Messung, zu der auch unser Kreis gehört, wendet der DWD aus den Messwerten der Umgebung eine sogenannte Rastermittelung an. Diese ergibt für das Jahr 2022 ca. 1.922 Stunden und damit den zweithöchsten Wert seit 1951, dem Beginn der flächendeckenden Aufzeichnung der Sonnenscheindauer. In der Historie findet sich im Jahr 1959 mit 1.934 Stunden ein noch höherer Wert, allerdings ist der Vergleich wegen des gänzlich anderen Verfahrens (damals mittels Brennstreifen unter einer Glaskugel und oft nicht in ausreichender Höhe angebracht) nur bedingt belastbar. Die meisten Sonnenstunden brachte der Juni mit 288, in Relation zum Klima und der astronomisch möglichen Sonnenscheindauer stechen vor allem August (281) und März (240) hervor. Äußerst trüb blieb der Januar mit nicht einmal 13 Sonnenstunden – auf den Tag umgerechnet ergeben sich daraus ganze 25 Minuten.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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