Ein sogenannter Polarwirbel fegt durch den Blätterwald

Nein, es konnte nicht gutgehen. Auch wenn es lange Zeit verdächtig ruhig geblieben war. Nun wissen wir: es war nur die Ruhe vor dem eisigen Sturm, der aus einem Teil der professionellen Meteorologie, von bösen Schweizer Zungen gerne als Vollpfostenmeteorologen bezeichnet, regelmäßig seit Jahren im Laufe des Spätsommers, spätestens aber im Oktober, mit orkanartiger Lautstärke herausbricht und es anschließend auf dem Boulevard schlagzeilt: Droht uns ein Extremwinter?

Dabei durfte man in diesem Herbst tatsächlich kurzzeitig hoffen, dass es anders laufen könnte, wurde doch das Thema Horror frühzeitig von sogenannten „Horrorclowns“ besetzt, die die verfügbaren Kapazitäten der Erregungsindustrie weitgehend binden konnten. Leider aber nicht vollständig, so dass sich in den Redaktionsstuben dann doch noch jemand an die Sache mit dem Winter erinnert haben muss. Also mal schnell in Bad Kreuznach nachgefragt, wo man sich mit Eis- und Horrorwintern besonders gut auskennt, aber – wie gesagt: man durfte tatsächlich kurzzeitig hoffen, dass es anders laufen könnte als sonst in diesem Jahr – von dort kam überraschenderweise nichts Apokalyptisches, und dass der kommende Winter möglicherweise erneut recht mild werden könnte, aber durchaus auch winterliche Witterungsphasen drin sind, vor allem in höheren Lagen: also bitte, wer will sowas denn lesen, da könnte man ja gleich den Deutschen Wetterdienst fragen. Wie langweilig.

Vermutlich hat sich die Redaktion von „wetteronline“ noch nicht einmal allzuviel Böses dabei gedacht, als sie am 27.10. im „Thema des Tages“ die aktuelle Situation auf der Nordhalbkugel einigermaßen allgemeinverständlich versucht hat zu erklären, wobei es natürlich auch dort erkennbar darum ging, die Winterfans, die gleich persönlich angesprochen wurden, bei Klicklaune zu halten, womit das Drama langsam aber sicher seinen Lauf nahm.

Denn auch die Praktikanten von express, focus, Bunte und Co. haben offenbar auf der Suche nach einem Anschlussthema für die Gruselclowns mitgelesen oder doch zumindest einer von ihnen, der Rest hat dann einfach abgeschrieben und die Extremwinterschraube dabei jedesmal noch ein wenig weiter gedreht. Nun droht er also wieder, wie in jedem Jahr, der „Eiswinter“, er könnte natürlich auch ein „eisiger Jahrhundertwinter“ werden, jedenfalls „bitterkalt“ mit „klirrender Kälte“ und sogar „Schnee bis Sizilien“.

Bis hierhin ist es eigentlich nur die übliche und mittlerweile zunehmend stinklangweilige Folklore um den Winter, die seit ein paar Jahren zusätzlich noch verstärkt wird durch Seiten im Netz, deren Namen hier bewusst nicht genannt werden, um den Scharlatanen und Wirrköpfen nicht noch weitere Leser zuzuführen.

Eines ist aber diesmal anders: Während man sich bisher bei den Jahrtausendwinter-prognosen auf so ulkige Utensilien wie die „Wetterkerze“ bzw. ihren Besitzer stützte  und damit einem Großteil des Publikums die reale Chance einräumte, diesen Schmarrn als ebensolchen zu erkennen, versucht man sich in diesem Jahr auf dem eisglatten Parkett des Boulevards mit handfesten meteorologischen Erörterungen dem Abschreiben von Begriffen, von denen man nichts versteht – womit wir wieder beim Bericht von „wetteronline“ sind, denn dort hatte man etwas von einem „Polarwirbel“ geschrieben und eigentlich auch gleich mit recht einfachen Worten versucht zu erklären, worum es sich dabei handelt, aber nun hat der Boulevardjournalist von heute ja erstens Besseres zu tun als bis zum dritten Absatz weiterzulesen und womöglich anschließend auch noch eine seriöse Netzrecherche zu betreiben und zweitens soll ja nun auch niemand mit überflüssigen Fakten und  komplexen naturwissenschaftlichen Zusammenhängen gelangweilt werden.

Dem „Express“ schwante jedenfalls schnell, dass es sich bei diesem Polarwirbel um etwas ganz Spezielles handeln muss und stellte diesem eigenartigen Wesen vorsichtshalber ein Wort voran, das ihn noch etwas geheimnisvoller erscheinen lässt:

Quelle: Express011108

Hm, ist ja ganz nett, so ein um den Nordpol kreisender Wind mit dem Namen „Polarwirbel“, aber irgendwie doch auch ein bisschen öde, wird man wohl im Nachhinein bei der DuMont-Mediengruppe gedacht haben, irgendwie fehlt der Geschichte noch ein Stück Pfeffer. Da trifft es sich ganz gut, dass man gleich mehrere Boulevardtitel besitzt und somit gleich die kostenlose Weiterverwertung der eigenen Unkenntnis betreiben und zugleich noch einen (oder mehrere?) Polarwirbel drauflegen kann: Die Mopo und die Polarwirbel

Doch damit dürfte der Höhepunkt vermutlich noch längst nicht erreicht sein, auch wenn Wortschöpfungen wie „das Deutsche Wetterinstitut“ die Schwachsinnslatte schon ziemlich hoch gelegt haben.
Und es beruhigt keineswegs, dass „wetteronline“ heute erneut im Thema des Tages mit dem Feuer Eis und Schnee spielt und auf der Nordhalbkugel eine „Schneebedeckung auf Rekordhoch“ ermittelt haben will (um gleich einen Satz später einzuschränken, dass es 1976 doch noch mehr Schnee gegeben hat, was dem Begriff „Rekord“ eine recht kreative Bedeutung verleiht) – vielmehr dürfte auch darauf in Kürze ein entsprechendes mediales Echo erfolgen, wobei vermutlich vor lauter Horror irgendwann die Schlagworte und -zeilen ausgehen dürften.

Offen bleibt (mal wieder) die Frage, was eigentlich passiert, wenn es tatsächlich mal einen „Eiswinter“ mit all der „klirrenden Kälte“ geben sollte: Wer ständig lauten (Fehl)Alarm macht, dem fehlen vielleicht die Worte, wenn es wirklich mal drauf ankommt.

Versuchen wir uns zum Ende dieses ganzen Wirbels nun noch an einer Antwort auf die Frage, was das alles für unseren deutschen bzw. regionalen Winter 2016/17 bedeutet. Sie lautet leider ganz schlicht: Vermutlich überhaupt nichts. Das angeblich frühzeitige Stellen irgendwelcher „Weichen“ für den Winter entpuppt sich bei etwas näherer Betrachtung als rein spekulatives Aneinanderreihen von Puzzleteilchen, die nur auf den ersten Blick ineinandergreifen und auf den zweiten völlig neu sortiert werden müssen.

Dazu nur ein kurzer Abriss der letzten Jahre: Was hatten wir vor einem Jahr? Den deutschlandweit wärmsten und regional zweitwärmsten November seit Aufzeichnungsbeginn. Was folgte? Ein sehr milder Winter mit kurzen winterlichen Abschnitten im Januar. Und welcher Winter war der kälteste und längste seit 1996?
Das war 2009/2010. Und was ging dem für ein November voraus? Der regional wärmste aller Zeiten. Oder anders rum: wann war es zuletzt im November frühzeitig mal richtig winterlich? Das war 1998 und richtig kalt war es fünf Jahre zuvor – die beiden nachfolgenden Winter verliefen dann überwiegend mild.

Daher lassen wir den November doch einfach das sein, was er ist: Der Übergangsmonat vom meteorologischen Herbst in den Frühwinter. Und dabei kann es durchaus auch einmal vorübergehend frühwinterliches Wetter geben, das ist nicht gleich deshalb ungewöhnlich, weil es in den letzten Jahren nicht der Fall war. Außergewöhnlich wäre es auf keinen Fall, wenn es in der kommenden Woche so kommt, wie es die Wettermodelle momentan überwiegend berechnen: Nasskalt in den tiefen Lagen und ein erster Wintergruß mit Flocken bis in mittlere Lagen, die sich vielleicht auch schon mal bis weiter runter untermischen können. Im Solling wäre dann auch die erste Schneedecke möglich, wenn alles zusammenpasst.

Eine Schlagzeile wäre das aber kaum wert, die sollte man sich auch in aufgeregten Zeiten für die wirklich außergewöhnlichen Ereignisse aufbewahren, auch beim Wetter. Und davon hatten wir zuletzt gleich zwei in Sachen Wintereinbruch: Im letzten Herbst fiel  der erste Schnee im Solling  bereits Mitte Oktober und damit so früh wie selten und seit mindestens 50 Jahren nicht mehr und Ende April gab es zudem den spätesten Winterrückfall seit 27 Jahren. Und darüber haben wir dann auch in unserer Heimatzeitung entsprechend berichtet:

TAH vom 15.10.2015:

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TAH vom 28.04.2016:tah-28042016_2

Bleibt noch die Frage nach diesen sogenannten Polarwirbeln. Der Wirbel um den Wirbel hat die Express-Seite bei der google-Suche mittlerweile ganz nach oben befördert, aber seriöse Alternativen gibt es selbstverständlich auch:Wikipedia oder DWD und noch viele weitere. Man muss halt etwas suchen und die Quelle einordnen. Aber das gilt ja nun wahrlich nicht nur bei Wetterthemen.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

Ein Gedanke zu „Ein sogenannter Polarwirbel fegt durch den Blätterwald“

  1. Danke für den klarstellenden Bericht Jürgen.

    Der profane Vollpfosten-Journalismus, wo jeden Herbst obskure Jahrhundert-Winter prophezeit werden, wird immer Makaber. Alleine der aberwitzige Artikel aus der Mopo „Mit mehreren Polarwirbeln“ die um den Nordpol fegen, ist mit der größte Schwachsinn im Bezug aufs Wetter, welches die Presse in den letzten Jahren verbockt hat.
    Ganz zu Schweigen von garstigen Winterfans die momentan alle paar Tage neue Texte zusammen Pfuschen um zu beweisen, dass nun aber dieser Winter endlich ein Jahrhundert-Winter werden soll. Sehen Winterfans wie jeden Herbst die gleichen Zeichen, mal muss der Herbst 1995,1947 oder 1962 herhalten,und falls das nicht hinhaut, wird die QBO, SST, Schnee über Russland usw. herangezogen, was dann einen Dezember wie 2010 bringen soll.

    Der Vollpfostenjournalismus und die jährlich jeden Herbst widerkehrende Träumerei der Winterfans, haben zum Glück keinen Einfluß auf das Wetter- und Klimageschehen. Aber wer weis, was nächsten oder sogar noch diesen Herbst wieder/dazu Gedichtet wird, um die Eiszeit zu Verkünden.

    Gruss n.22

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