Ein Hauch von (Vor)Frühling

Ist das schon Vorfrühling oder doch noch vorwiegend winterlich? Derzeit tobt die eine oder andere Debatte um die Deutungshoheit über das Wetter der vergangenen Tage.

Schaut man dabei in den Westen oder am heutigen Tag in den Südwesten des Landes, fällt die Antwort klar aus: Frühlingshaftes Wetter hat dort ein erstes Gastspiel gegeben. Zweistellige Temperaturen tagsüber konnte zumindest das Rheinland schon seit Wochenbeginn vermelden, gestern gab es dann das bisher höchste Temperaturmaximum des Jahres im Netz des Deutschen Wetterdienstes, zu dem auch die Nato-Station auf dem Militärgelände in Geilenkirchen nahe der belgischen Grenze zählt, wo 17,8 °C gemessen wurden. Allerdings ist die Station nicht ganz unumstritten, aufgrund des für die Öffentlichkeit gesperrten Zugangs sind die genauen Stationsbedingungen nicht nachprüfbar, auch auf den Seiten des DWD fehlen die sonst im eigenen Messnetz zugänglichen Daten der verwendeten Messinstrumente. Klammert man diese Station einmal aus, lag der gestrige Spitzenwert bei 17,0 °C in Gevelsberg-Oberbröking im südlichen Ruhrgebiet. Heute wurde das landesweite Maximum dann aus dem Oberrheintal gemeldet, hier lag Rheinau-Memprechtshofen mit 17,1 °C knapp vor Ohlsbach sowie Emmendingen-Mundingen im Breisgau mit jeweils 17,0 °C.

Richtung Nordosten bot sich zu Wochenbeginn ein ganz anderes Bild:, dort herrschte am Montag noch verbreitet Dauerfrost in Mecklenburg-Vorpommern und Nordbrandenburg, am Dienstag waren es meist niedrige einstellige Werte tagsüber, bevor es am Mittwoch auch dort eine deutliche Erwärmung gab und nahe der polnischen Grenze in Bad Muskau und Coschen die 15-Grad-Marke geknackt wurde.

Und bei uns?

Reichte es gestern und heute nur zu einem Platz im Tabellenkeller im bundesweiten Vergleich der Tages(höchst)werte. War gestern noch das gesamte Oberwesertal betroffen, gab es heute deutliche Unterschiede Richtung Norden. Bevern meldete gestern ein Maximum von 10,7 °C, heute waren es unter dichter Bewölkung nur 8,4 °C, während es in Hameln-Hastenbeck heute auf 12,3 °C rauf ging. Richtung Süden allerdings blieb es noch kühler: Lippoldsberg meldete nur maximal 6,1 °C und war damit eine der kältesten Stationen im gesamten DWD-Netz.

Es ist also seit gestern kein nennenswerter West-Ost-Temperaturgradient mehr auszumachen, die Dinge liegen somit komplizierter. Gestern gab es bei uns in bodennahen Schichten bei vorwiegend südöstlichen Winden Nachschub an recht kalter Festlandsluft, die bestehende Inversionsschicht konnte dabei nicht vollständig von der Sonne weggeheizt werden, so dass die höhenmilde Luft nur wenig heruntergemischt werden konnte. Lokale Kaltluftseen und die genaue Windrichtung spielten gestern eine ebenso große Rolle wie die recht komplexe Topographie des Wesertals mit seinen angrenzenden Höhenzügen.

Somit lässt sich festhalten: Das Vorfrühlingserwachen wurde in erster Linie durch den Sonnenschein hervorgerufen, denn diese Bilanz ist immerhin eindeutig: Von Montag bis Mittwoch gab es jeweils die maximal mögliche Sonnenscheindauer, das sind mittlerweile immerhin schon wieder etwas über neun messbare Stunden am Tag.  Nachtfröste, niedrige gefühlte Temperaturen, ein teils unangenehmer Wind aus Ost bis Südost und nach der langen Frostphase noch auf sich warten lassende Frühblüher  – diese Indikatoren standen auch in den letzten Tagen noch auf Spätwinter, vom sich immer noch hartnäckig haltenden Restschnee im Solling ganz abgesehen. Die Kraft der Sonne zeigt aber, in welche Richtung es langsam, aber sicher geht: Die als Tagesgang bezeichnete Spanne zwischen dem Tagesminimum und dem Maximum lag gestern in Bevern immerhin schon bei 14,5 Kelvin.

Nun steht allerdings erst einmal ein Wechsel der Großwetterlage an: Ein erster Frontdurchgang gestaltet das Wetter schon am Freitag wechselhaft mit einzelnen Regenfällen. Am Samstag bleibt es zwar überwiegend trocken, aber meist auch bewölkt. Nachts wird es milder als zuletzt mit Werten um 4 Grad, tagsüber werden im Wesertal um 7 Grad erreicht. In der Nacht zum Sonntag steigt das Frostrisiko nochmals vorübergehend an, derzeit werden Werte um den Gefrierpunkt erwartet, tagsüber dann erneut maximal um 7 Grad mit vielen Wolken und etwas Regen, bevor es in der kommenden Woche zunächst im Rahmen einer Westwetterlage deutlich milder, windiger und regnerischer wird. In der zweiten Wochenhälfte soll dann nach aktuellem Stand in eher nordwestlicher Strömung erwärmte Meereskaltluft einfließen, auf die Temperaturen dürfte dies aufgrund der guten Durchmischung aber nur eine leicht dämpfende Auswirkung haben. Auch wenn die Details und der weitere Verlauf natürlich noch offen sind, sieht es derzeit nicht nach einer Rückkehr winterlichen Wetters mit Schnee und Frost bis ins Tiefland aus. Sehr viel spricht derzeit dafür, dass der meteorologische Winter sowohl bundesweit als auch in unserer Region wärmer als im Klimamittel der Jahre 1961-1990, aber kälter als im Mittel der Jahre 1981-2010 abschließen wird und damit auf einem etwa vergleichbaren Niveau von 2012/2013. Damals war der Winter allerdings in den Niederungen deutlich schneereicher verlaufen als in diesem Jahr.

Ist der Winter damit auch in Sachen Winterwetter vorbei? Diese Frage kann niemand seriös beantworten. Der letzte winterliche März folgte auf den eben angesprochenen Winter vor vier Jahren, und er fiel außergewöhnlich kalt aus: Mit einem Monatsmittel von 0,3 °C lag der März 2013 sogar unter der mittleren Januartemperatur und war zugleich zusammen mit 1969 der drittkälteste März unserer 1935 beginnenden Klimareihe Bevern-Holzminden (der Kälterekord im März wurde 1987 mit satten -0,7 °C aufgestellt, auf Platz 2 liegt 1958 mit 0,1 °C). Ganz anders präsentierte sich der März im Jahr zuvor und im Jahr danach: 2012 wurde mit 8,0 °C ein neuer Wärmerekord aufgestellt; 2014 war es mit 7,1 °C nur unwesentlich weniger mild und bereits zum Ende der ersten Dekade wurde zweimal die 20-Grad-Marke überschritten. Im vergangenen Jahr gab es dann einen Vertreter nahe am langjährigen Mittelwert, ein durchschnittlicher März also, irgendwo zwischen nicht mehr Winter und noch nicht Frühjahr. Der letzte Schnee im vergangenen Jahr fiel übrigens erst Ende April.

Update 19.02.: Nach aktuellem Stand muss vor allem ab Donnerstag Mittag bis in die Nacht zum Freitag mit schweren Sturmböen, vielleicht auch orkanartigen Böen gerechnet werden. Es heißt es also die Wetter- und Modellentwicklung der kommenden Tage zu beobachten, spätestens ab Mittwoch wird man wohl besser abschätzen können, wie brisant die Lage wirklich wird.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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