Zweikampf zwischen Sommer und Herbst

Rückblick auf den September 2020

Bekanntlich ticken die meteorologischen Jahreszeiten etwas anders als die astronomischen: Während nach der Definition der Wetter- und Klimawissenschaft am 1. September bereits der Herbst Einzug gehalten hat, gewährt der Kalender dem Sommer noch eine dreiwöchige Nachspielzeit – und zumindest ein Teil davon fiel tatsächlich ausgesprochen sommerlich aus. Zur Monatsmitte kletterten die Temperaturen in den tieferen Lagen der Region sogar für drei Tage über die 30-Grad-Marke. Ein leicht unterdurchschnittlich temperiertes erstes Monatsdrittel sowie eine markante Abkühlung im Laufe der letzten Woche sorgten dafür, dass die Monatsmitteltemperatur nicht wesentlich über den langjährigen Mittelwerten landete. Klarer fiel die Bilanz bei Niederschlag und Sonnenschein aus: Es war landkreisweit deutlich zu trocken und außergewöhnlich sonnig.

Mit einer Mitteltemperatur von 14,65 °C war der September 2020 an der DWD-Station in Bevern um 0,7 Kelvin wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Gegenüber dem ab dem kommenden Jahr gültigen 30-Jahres-Mittel ab 1991 betrug die Abweichung noch 0,45 K. Auch in diesem Jahr zeigte sich wieder, dass hohe positive Temperaturanomalien im September im Vergleich zu vielen anderen Monaten nur vereinzelt vorkommen und selbst ein ungewöhnlich warmer Witterungsabschnitt, wie wir ihn mit dem Höhepunkt der kleinen Hitzewelle zur Monatsmitte erlebt haben, in der Monatsmitteltemperatur kaum wiederzufinden ist. Anschaulich formuliert befand sich diese knapp zweiwöchige, sommerlich bis hochsommerlich anmutende Phase in einem „Sandwich“, umgeben von einer frühherbstlichen ersten Dekade und einer weitgehend vollherbstlichen letzten Pentade.  

Wie ordnet sich dieser Monat in die lokale Klimareihe ab 1934 sowie in die Phase der globalen Erwärmung seit Herbst 1987 ein? Schaut man auf die vergangenen 30 Jahre zurück, so fällt auf, dass die große Mehrzahl der September in einem recht engen Korridor um den langjährigen Durchschnittswert pendelt – bei allerdings drei markanten Ausreißern nach oben: 1999, 2006 und 2016 mit 17,4 bis 17,5 Grad Monatstemperatur. Statistiker sprechen in solchen Fällen von einer rechtsschiefen Verteilung, der Median (der mittlere Wert der betrachteten Zahlenreihe, wenn man diese nach ihrer Größe sortiert) liegt unter dem arithmetischen Mittelwert, der gerade bei einer geringe Stichprobe anfällig ist für Verzerrungen aufgrund einzelner extremer Ausreißer. Allerdings sind solche schiefen Verteilungen gerade beim Wetter nicht ungewöhnlich, in den Wintermonaten ist häufig der umgekehrte Effekt zu beobachten: wenige sehr kalte Exemplare drücken den Mittel- oder Durchschnittswert unter den Median. Für den September bleibt festzuhalten, dass es auf der anderen Seite der Verteilung an sehr kühlen Exemplaren in den letzten 30 Jahren nahezu fehlt – sieht man vielleicht einmal von 1996 ab, wobei jenes Jahr in der Zeit nach 1987 insgesamt eine kalte Einzelstellung einnimmt.

Gerade beim September lohnt aber auch der Blick noch weiter zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit, genauer: ins Jahr 1947. Schon der meteorologische Sommer damals war außergewöhnlich heiß ausgefallen und belegte bis 2003 den Spitzenplatz seit Aufzeichnungsbeginn – doch auch der zum Herbst zählende September schrieb Wetter- und Klimageschichte mit der verbreitet längsten und intensivsten Hitzewelle in einem September überhaupt. Leider liegen aus jenem Jahr keine Messungen aus dem Oberwesertal vor, in der erweiterten Umgebung wurden zwischen dem 12. und 20.09. aber sechs heiße Tage über der 30-Grad-Marke registriert und sogar einer an der fast 500 m hoch gelegenen Station an der Revierförsterei Torfhaus.  Weiter gen Süden und Osten der Republik waren es sogar bis zu zehn heiße Tage am Stück während der gesamten zweiten Dekade – wohlgemerkt in einem September in einer deutlich weniger warmen Klimaphase.

Doch auch die drei heißen Tage zur Monatsmitte in diesem Jahr stellen trotz der Erwärmung der letzten Jahrzehnte immer noch ein außergewöhnliches Ereignis dar: Selbst im aktuellsten Klimadurchschnitt seit 1991 liegt die mittlere Anzahl heißer Tage im September bei nur 0,4 – und drei davon am Stück gab es seit Tageswerte vor Ort vorliegen (1951) lediglich einmal vor vier Jahren. 2016 lag der absolute Höchstwert mit 32,8 °C noch ein Stück höher, dennoch reichte es in diesem Jahr am 15. und 16.09. für zwei neue Tagesrekorde der Klimareihe Holzminden/Bevern.

Nicht mehr heiß, aber ebenfalls ungewöhnlich warm verlief die sonnige Hochdruckphase im Hochsolling. An der Station in Silberborn wurden zur Monatsmitte noch einmal drei Sommertage mit bis zu 27,3 °C gemessen. Die Monatsmitteltemperatur lag mit 13,0 °C um 1,0 Kelvin über dem dortigen Klimamittel der Jahre 1981-2010. Die etwas höhere positive Abweichung gegenüber Bevern lag an den nur wenig tieferen Minima, die im Schnitt trotz der um 320 Meter höheren Stationslage nur ein halbes Grad niedriger lagen, in manchen Nächten kühlte es im Wesertal sogar stärker ab als im Solling. Bei den Höchstwerten hingegen war es in Bevern im Schnitt um 3,5 K wärmer als in Silberborn (21,7 zu 18,2 °C).

Auch 1947 gab es übrigens einen markanten Absturz in der dritten Dekade, und so erging es auch dem aktuellen September. Nach der Hitze zur Monatsmitte kam es zwar schon zu einer ersten deutlichen Abkühlung um über 12 K binnen eines Tages, diese war allerdings nicht von Bestand: Nach Durchzug der Kaltfront wurde rasch neue Warmluft herangeführt, die großräumige Strömung drehte von vorübergehend Nord auf Südost und später Südwest, so dass sich weitere sechs Tage mit Höchstwerten zwischen 22 und fast 27 Grad anschlossen. Erst das Übergreifen eines kräftigen Tiefs von Westen im Laufe des 24.09. beendete die spätsommerliche Witterung nachhaltig und brachte zumindest für einen Tag den dringend benötigten Landregen mit.

Doch dieser eine verregnete Tag am 26. mit verbreitet etwas über 20 mm in 24 Stunden konnte nicht verhindern, dass der September deutlich zu trocken ausfiel. An nur elf Tagen fiel messbarer Niederschlag, davon nur fünfmal mehr als ein Millimeter – so lauten die Zahlen aus Bevern, aber an den anderen Stationen der Region sah es kaum anders aus. Die Summe von 45,0 mm lag in Bevern rund 38% unter dem langjährigen Mittel von 1981-2010. Noch trockener war es in Silberborn, wo nur 42,7 mm gemessen wurden – bei einem deutlich höheren Klimawert von 98 mm, der um über 55% verfehlt wurde. Die weiteren Monatssummen: Lüchtringen 36,7 mm, Polle 40,6 mm, Ottenstein 43,4 mm, Hehlen 45,3 mm, Vorwohle 42,1 mm, Hellental 42,7 mm. Anders als im Sommer gab es im September kaum Unterschiede zwischen den Stationsstandorten, so dass es in der Fläche deutlich zu trocken war. Zwischenzeitlich hatte sich der Pegel der Weser sogar den Rekordtiefstständen aus dem Jahr 1959 angenähert, wie vor zwei Jahren gab das Flussbett zunehmend die Hungersteine frei, obwohl es in diesem Sommerhalbjahr insgesamt deutlich mehr regnete als 2018. Doch der fast trocken gefallene Ederstausee konnte schon längere Zeit kein Wasser mehr abgeben, was den Pegel weiter fallen ließ.

Alles andere als defizitär fiel die Sonnenscheinbilanz aus. Mit fast 202 Stunden lag sie um gut 50% über dem langjährigen Durchschnitt und damit so hoch wie seit 2006 nicht mehr in einem September. Allein die 12 Tage zwischen dem 11. und 22.09. brachten mit 10,6 Stunden im täglichen Durchschnitt fast ein ganzes Monatsmittel der Jahre 1981-2010 zusammen. Damit war der September in diesem Jahr sogar in absoluten Zahlen sonniger als Juli und August – trotz der fortschreitenden Jahreszeit. Berücksichtigt man die Ausschöpfung der jeweiligen astronomisch möglichen Sonnenscheindauer der einzelnen Monate, landet der September in diesem Jahr sogar auf Platz zwei hinter dem April. Auffällig in der kurzfristigen Betrachtung ist, dass es bereits der dritte sehr sonnige September in den letzten fünf Jahren war. Und bereits vor dem Schlussquartal steht fest, dass das Jahr 2020 als überdurchschnittlich sonniges Jahr abschließen wird, da selbst das Jahresmittel der jüngsten und sonnenscheinreichsten 30-Jahres-Phase ab 1991 schon per 30.09. um 70 Stunden übertroffen ist.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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