Als Kälte länger als nur ein paar Tage regierte

Vor 25 Jahren ging eine außergewöhnlich kalte Phase zu Ende

Im Februar 2021 reichte gut eine Woche mit Dauerfrost und Schnee für eine der winterlichsten Phasen in den letzten Jahrzehnten, doch nur wenige Tage später ging es bereits in Richtung neuer Wärmerekorde. Und nach dem kältesten April seit über 40 Jahren und einem insgesamt kühlen Frühjahr folgte der Konter in Form des zweitwärmsten Junis seit Aufzeichnungsbeginn. Zwei Beispiele dafür, dass es auch in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels immer wieder auch einmal für Ausschläge hin zur kalten Seite reicht – diese aber meist recht kurze Episoden bleiben. Auffällig niedrige Jahrestemperaturen finden sich hingegen nur wenige seit 1988 – mit zwei Ausnahmen: 2010 und vor allem 1996. Kältestes Jahr seit 1963, kältester Winter seit 1970, kein kühlerer Sommer mehr seither – vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert konnte man letztmals ein echtes „Kaltjahr“ bilanzieren. Genauer gesagt waren es gut 13 Monate von Dezember 1995 bis Januar 1997. Ein Rückblick aus der Perspektive 25 Jahre danach.

Beginnen soll die Reise in die Vergangenheit im Jahr 1987. Bis dahin waren weder kalte Winter noch kühle Sommer eine Seltenheit, wochenlange Schneedecken im Winter in den Höhenlagen des Sollings keine Ausnahme – im Gegensatz zu warmen Sommern wie 1976 und 1983. Letzterer galt damals sogar „Jahrhundertsommer“. 1987 zog noch einmal alle Register dieses aus heutiger Sicht „alten Klimas“ mit einem eisigen Januar und dem kältesten März seit Aufzeichnungsbeginn sowie ausgesprochen kühlem Frühjahr und Sommer – allesamt bis heute nicht mehr erreichte Werte. Doch mit dem meteorologischen Herbst 1987 begann die nachhaltige Erwärmung unseres Klimas, zunächst am spürbarsten mit den drei Mildwintern 1988-1990, mit Beginn der 1990er Jahre auch mit zunehmend häufigeren Hitzephasen im Sommer, die in den Hochsommern 1994 und 1995 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatten. Auch der Winter dazwischen war ausgesprochen mild, und auch wenn die ersten Dezemberwochen 1995 vergleichsweise kalt verliefen, schien mit einem anschließenden Temperaturanstieg auf bis zu zehn Grad das übliche Weihnachtstauwetter seinen Lauf zu nehmen. Doch es sollte anders kommen…

Nach der vorübergehenden Milderung vor Weihnachten wurde es schnell kälter, im Solling stellte sich leichter Dauerfrost ein, der sich nach den Feiertagen bis in die Niederungen ausweitete und über den Jahreswechsel hinaus anhielt. Eine Milderung nach Dreikönig hatte keinen Bestand und in der zweiten Monatshälfte sackten die Temperaturen erneut ganztägig unter dem Gefrierpunkt. Doch auf Schnee mussten Winterfans bis kurz vor Monatsende warten, bis dahin war der Januar 1996 nahezu trocken verlaufen. Mit den Niederschlägen vom 25. und 26. bildete sich eine Schneedecke von einigen Zentimetern aus, die in den tieferen Lagen im Laufe des Februars zeitweise taute und sich wieder erneuerte, im Solling hingegen auf bis zu 52 cm kurz vor Februarende anwuchs und sich noch vier weitere Wochen halten konnte. Erst nach dem kalendarischen Frühlingsbeginn war es vorübergehend grün in Silberborn, ein letzter Wintergruß mit erneuter Schneedecke im Solling folgte von Ende März bis in die ersten Apriltage.

Der Winter 1995/1996 war mit einer Mitteltemperatur von -1,8 °C im Oberwesertal (offiziell gemessen wurde damals in Boffzen) um glatt 3,0 K kälter als das damals gültige Klimamittel der Jahre 1961-1990, bezogen auf das heutige, 30 Jahre jüngere Mittel, beträgt die Abweichung sogar -4,1 K. In Silberborn wurden -3,3 °C gemessen, was einem Minus von 2,5 bzw. 3,6 K gegenüber den dortigen Klimawerten entspricht. Relativ gesehen war es im Hochsolling also ein halbes Grad weniger kalt in jenem Winter, wofür die vorherrschenden Hochdrucklagen verantwortlich waren, die für noch kältere Nächte im Wesertal sorgten als weiter oben – ein Effekt, der im Winterhalbjahr bei Hochdruckwetter häufig auftritt.

Eistage im Jahr 1996

Damit war der Winter 1996 in der Region der kälteste seit 1970 – und blieb es mit Abstand bis heute. Er stellte keine Rekorde auf, weder bei den Temperaturen noch bei der Schneehöhe – sein besonderes Merkmal war die ausdauernden und fast durchgängig niedrigen Temperaturen. Milde Tage ließen sich an zwei Händen abzählen, alle drei meteorologischen Wintermonate schnitten deutlich unter ihren langjährigen Durchschnittswerten ab. Dass es in den Niederungen nicht zu größeren Schneemengen reichte, lag vor allem an der Niederschlagsarmut im Zuge der vielen Hochdrucklagen. Der Januar war einer der trockensten seit Beobachtungsbeginn und zugleich der bis dahin sonnigste. Im nasseren Februar war es in den Niederungen oft etwas zu warm für festen Niederschlag, während die Schneedecke im Solling auf über einen halben Meter wachsen konnte.

Abweichungen des Winters 1995/96 von der Klimanorm 1961-1990 Quelle: mtwetter.de
Damals war’s: Eis auf der Weser bei Lüchtringen, eingefangen von Dieter Telp

Und diese außergewöhnliche Zirkulation scherte sich auch nicht um den meteorologischen Frühlingsbeginn: Trockenes und kaltes Hochdruckwetter mit Ost- und Nordlagen prägte auch den März und große Teile der ersten Aprilhälfte. Der März blieb mit nur 1,8 °C im Oberwesertal und -0,6 °C in Silberborn um jeweils über 2 K kälter als im Mittel und bis Monatsmitte brachte auch der April regelmäßig Frost.

Doch mit der zweiten Aprilhälfte schien der Bann gebrochen und eine Drehung der Strömung auf Südwest sorgte für einen deutlichen Temperaturanstieg auf frühsommerliches Niveau: Hatte es an der Station Boffzen am 12. April nicht einmal für fünf Grad Höchsttemperatur gereicht, waren es fünf Tage später bereits fast 20 Grad und ab dem 20.04. gab es sogar die ersten meteorologischen Sommertage mit bis zu 27 Grad. In Silberborn blieb es mit bis 24,5 °C nur knapp unter dieser Marke. Dazu war der April deutlich zu trocken und recht sonnig. War das die Trendwende in Sachen Temperatur?

Mitnichten. Mit einer erneuten Umstellung der Großwetterlage endete nun die Hochdruckdominanz, es wurde nasser und trüber. Mit nur 111 Stunden war der Mai einer der sonnenscheinärmsten seit Messbeginn, dazu blieb er mit 11,5 °C unten und 9,0 °C oben ein kühler Geselle. Blieb also noch die Hoffnung auf den Sommer…

Und der drehte nach kurzer Fehlzündung schnell hochtourig und brachte bereits zum Ende der ersten Junidekade die beiden ersten heißen Tage. Allein: es sollten die einzigen des gesamten Sommers und auch Jahres bleiben. Schon vor Monatsmitte übernahmen wieder die hartnäckigen Nordlagen die Wetterregie für mehrere Wochen. In Silberborn musste kurz nach dem kalendarischen Sommerbeginn sogar hart mit der 10-Grad-Marke gekämpft werden – bei den Höchstwerten wohlgemerkt.

Der Juli fiel selbst für damalige Verhältnisse mit nur 16,3 °C im Wesertal und nicht einmal 14 °C im Hochsolling ungewöhnlich kühl aus, während der August durchaus seine sommerlichen Phasen hatte und zum mit Abstand wärmsten Monat des Jahres avancierte. Den Gesamtsommer hievte er mit 16,6 bzw. 14,3 °C sogar noch auf das Niveau des Klimamittels 1961-1990. Bis heute blieben dennoch nur drei weitere Sommer (1998, 2000 und 2005) ähnlich niedrig temperiert, kühler war seither keiner mehr. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert der letzten 15 Jahre ist auf 18,1 °C am heutigen DWD-Standort in Bevern und 15,9 °C in Silberborn angestiegen, und die heißesten Sommer 2003 und 2018 waren jeweils über drei Grad wärmer als 1996. Auch die geringe Anzahl der heißen Tage (2 bzw. 0) sowie Sommertage (20 bzw. 9) wurde seither nicht mehr unterboten.

Heiß wurde es fast gar nicht im Sommer 1996 Quelle: https://www.mtwetter.de/

Der September wird gern auch als Mai des Herbstes bezeichnet und laut Bauernregel zeigt der Mai bereits das Septemberwetter an. Wissenschaftlich ist das zwar nicht haltbar, aber für das Jahr 1996 traf es durchaus zu: Auf einen kühlen Mai folgte ein untertemperierter September, wobei der erste meteorologische Herbstmonat mit 11,5 ° nicht nur exakt auf dem Niveau des vorausgegangenen Mais landete, sondern sogar zu den vier kältesten seit Beobachtungsbeginn 1934 zählt, sein damaliges Klimamittel um 2,3 K verfehlte und seither nicht mehr annähernd so kühl daherkam. Das reichte zugleich trotz minimal überdurchschnittlicher Monatswerte im Oktober und November für den drittkältesten Herbst der letzten 35 Jahre.

Gleichzeitig bildete der November den Übergang in eine erneute außergewöhnlich kalte Phase. Im Hochsolling zeigte sich der Winter bereits zum Ende der zweiten Dekade mit Macht und einer 22 cm hohen Schneedecke am 19.11.1996 an der Station Silberborn nicht nur ungewöhnlich früh, sondern auch ausdauernd: erst 15 Tage später war der Schnee im Zuge der einzig milden Phase des gesamten Dezembers vorübergehend verschwunden. Doch zur dritten Dekade gab es Nachschub, und auch wenn es mit 8-9 cm im Solling und 3 cm im Wesertal nicht besonders viel war, reichte es für die seltene weiße Weihnacht auch in den Niederungen. Vor allem aber zog nun grimmige Kälte ein und brachte oben wie unten ab dem 21.12. eine Serie von 23 Tagen Dauerfrost sowie strengen Nachtfrost von bis zu -20 Grad, direkt über der Schneedecke wurde es teils noch kälter. So war die Neujahrsnacht 1996/97 über 30 Grad kälter (!) als die jüngste rekordwarme 25 Jahre später.

Eisiges Finale: Tiefstwerte von Silvester 1996 Quelle: https://www.mtwetter.de/

Ab etwa Mitte Januar 1997 lockerte die Kälte ihre Fesseln, der Februar sprengte sie schließlich und wurde außergewöhnlich mild. Damit endete die mit kurzen Unterbrechungen über 13 Monate anhaltende negative Temperaturanomalie abrupt und trotz eines Rückfalls im April 1997 letztlich auch nachhaltig. Die Monatstemperaturen im Dezember (-1,6 °C im Wesertal und -3,1 °C in Silberborn) und Januar (-2,4 bzw. -3,1 °C) wurden seither nur noch einmal im Jahr 2010 unterboten. Die Jahrestemperatur von 7,7 °C bzw. 5,8 °C verfehlte aber auch 2010 mit 8,4 bzw. 6,2 °C recht deutlich. Und dass es angesichts des weiteren Temperaturanstiegs seit 2011 noch einmal so ein kaltes Jahr wie 1996 geben wird, ist aus heutiger Sicht äußerst unwahrscheinlich.

Doch nicht nur bei der Temperatur landete das Jahr 1996 weit unten, auch bei Niederschlag und Sonnenschein hielt es sich stark zurück. Trockentrübkalt lautet daher das Fazit, wenn man es in einem Wort treffen muss. Mit 638 mm wurde der durchschnittliche Jahresniederschlag um fast 160 mm bzw. 20% verfehlt, die Sonne zeigte sich nur ca. 1.358 Stunden lang, was damals allerdings noch recht normal war für die Region angesichts eines Klimamittels 1961-1990 von nur 1.375 Stunden (das allerdings auf recht dünner Datenbasis steht) und leider auch heute noch unterboten werden kann, wie das vergangene Jahr 2021 und zuvor 2017 erst wieder zeigten. Dennoch hat mit der Erwärmung auch ein Anstieg der mittleren Sonnenscheindauer in einer der trübsten Regionen des Landes auf immerhin fast 1.520 Stunden im Jahr stattgefunden in der Bezugsperiode 1991-2020.

7,7 °C Jahresmitteltemperatur – so kalt war es seither nicht mehr annähernd und zuvor nur viermal noch kälter in der Zeitreihe 2323: 1940, 1956, 1962 und 1963

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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