Emmelinde setzte dem Maisommer ein gewaltsames Ende

Der Mai 2022 war warm, sonnig und verbreitet zu trocken /
Tornado richtet Verwüstungen in Merxhausen an

Nach zuletzt mehreren unterkühlten Exemplaren zeigte sich der Mai in diesem Jahr oft von seiner warmen Seite. Vor allem in der zweiten Dekade gab es einen ersten Anlauf des Sommers mit Höchstwerten von bis zu fast 30 Grad. Dazu schien oft die Sonne und lockte die Menschen ins Freie, Regen fiel hingegen nur gelegentlich und in geringen Mengen. Damit wäre der dritte meteorologische Sommermonat als meist freundlicher und insgesamt unauffälliger, wenn auch zu trockener Geselle in die regionale Wetterstatistik eingegangen – doch manchmal reichen wenige Minuten, um buchstäblich alles umzuwerfen. So geschehen am späten Nachmittag des 20. beim Durchzug des Sturmtiefs Emmelinde, das nicht nur im Raum Paderborn/Lippstadt und bei Höxter, sondern auch im Kreis Holzminden einen Tornado entfachte. Dieser fegte vor allem durch Merxhausen, deckte reihenweise Dächer ab, machte Häuser unbewohnbar und verwüstete auch die Allee Richtung Macksensen im Kreis Northeim, wo gestandene, teils 200 Jahre alte Eichen der Naturgewalt nichts entgegenzusetzen hatten. In den betroffenen Gebieten wird dieser Mai noch lange als markantes Gegenteil eines Wonnemonats in Erinnerung bleiben.

Schauer- und Gewitterwolken von Sturmtief Emmelinde am 20. Mai ©A. Mokross


Mit einer Monatstemperatur von 14,83 °C war der Mai 2022 an der DWD-Klimastation in Bevern um 1,3 K wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020, gleichbedeutend mit deutlichen Plus von 2,4 K gegenüber der älteren Referenzperiode von 1961-1990. In der Zeitreihe Bevern/Holzminden ab 1935 war es der neuntwärmste Mai, wobei selbst der zweitwärmste aus dem Jahr 2000 mit 15,2 °C nicht weit entfernt liegt – nur der Rekordhalter von 2018 reißt mit fast 16,5 °C deutlich nach oben aus.

Dabei begann es am 1. noch sehr frisch, danach erfolgte ein erster Anstieg auf Höchstwerte um 20 Grad, bevor es ab 9. auf häufig früh- bis zeitweise sogar hochsommerliches Niveau ging. In der dritten Dekade wurde es schließlich kühler, zum Monatsende hin deutlich – und das Minimum wurde untypisch für die jahreszeitliche Entwicklung mit nur 3,3 °C erst am Monatsletzten in Bevern gemessen. Das Maximum lag bei 29,3 °C, erreicht am Nachmittag des 17.05., am Tag zuvor war es mit 29,1 °C in der Spitze ähnlich warm. Kurzzeitige sehr warme bis fast heiße Tage sind im Mai allerdings nicht ungewöhnlich, selbst im deutlich kühleren Vorgänger von 2021 ging es auf bis 28,8 °C hoch. Boden- oder gar Luftfrost waren diesmal anders als vor einem Jahr kein Thema mehr.

An der Unwetterreferenzstation des Wetterdienstleisters DTN und der Stadt Holzminden in Silberborn lag die Monatstemperatur mit knapp 13°C um 1,5 K über dem Mittel von 1991-2020; die Klimanorm der Jahre 1961-1990 wurde sogar um fast 2,6 K übertroffen. Wärmster Tag war gleichfalls der 17.05. mit einem Höchstwert von 26,0 °C. Auch im Hochsolling endete der Mai empfindlich kühl mit Tiefstwerten von nur knapp über zwei Grad an den beiden letzten Tagen. Den niedrigsten Höchstwert gab es am 29., als es unter dichtem Gewölk nicht einmal für zehn Grad reichte.

Wetterstation Silberborn am 27. Mai – Sonne und Quellwolken teilten sich den Himmel, dabei blieb es aber mit nur 15,5 Grad Höchsttemperatur frisch für die Jahreszeit

Die Großwetterlagen über Europa zeigten im Mai ein überwiegend hochdruckgeprägtes Bild mit unterschiedlicher Strömungskonfiguration. War es zu Monatsbeginn zunächst eine vor allem in höheren Schichten ausgeprägte Troglage mit Winden aus dem Sektor Nord, brachten anschließend Hochdrucklagen über Mitteleuropa (mal als Brücke, mal zentral gelegen) die Erwärmung auf frühsommerliche Werte, zwischenzeitlich auch unter westlicher Anströmung. Die wärmste Phase am Ende der zweiten Dekade geht zurück auf eine Südwestlage, die später in eine tiefdruckgeprägte Südlage (Trog Westeuropa) überging. Eine Umstellung auf Nordwest mit feuchtkühlen Luftmassen bescherte uns schließlich den deutlichen Temperaturrückgang mit vielen Wolken am Monatsende.

Morgenstimmungen an der Weser von Annette Mokross

Die brisante Unwetterlage, die beim Durchzug des kleinräumigen Sturm- und Gewittertiefs Emmelinde für den als F1 eingestuften Tornado im Raum Merxhausen sorgte, ist physikalisch komplex kann hier nicht im Detail erläutert werden. Am Thema Interessierten sei aber die ausführliche Fallstudie von Felix Welzenbach unter https://meteoerror.wordpress.com ans Herz gelegt. Die vorläufige Schadensbilanz vor Ort geht nach Informationen des NDR weit in den zweistelligen Millionenbereich, allein in Merxhausen wurden 42 Wohnhäuser beschädigt, zum Teil schwer. Die Schneise, die der Tornado auf einer Breite von 250 Metern in den Wald geschlagen hat, soll sich auf rund sechs Kilometer Länge belaufen, bei den zerstörten und gefällten Bäumen handele es sich nach Angaben des Revierförsters Hendrik Büning um die vierfache Menge eines Jahreseinschlags.

Die Weser bei Polle passierte Emmelinde, ohne Schäden zu hinterlassen.
Anders sah es im Osten des Kreises aus. ©A. Mokross

Von den lokal höchst unterschiedlichen Auswirkungen des Tiefs zeugen auch die Niederschlagswerte der Messstellen im Kreis an diesem Freitag: Während in Bevern knapp 20 mm in nur 20 Minuten fielen und es in Vorwohle sogar etwas über 30 in einer halben Stunde und allein 17 mm in zehn Minuten waren, gab es weiter westlich und südlich deutlich geringere Regenfälle.  Auf der anderen Seite des Sollings in Amelith kamen als Tagessumme nur 2 mm zusammen, und selbst in Hellental, nur zwei Kilometer entfernt von Merxhausen, blieb es mit acht Millimetern bei einem handelsüblichen Gewitterschauer.

Auch der 19.05. brachte Gewitter mit Regen, Blitz und Donner ©A. Mokross

Abseits der von dem kurzzeitigen Starkregen betroffenen Orte fiel der Mai 2022 deutlich zu trocken aus. Die Station in Bevern zählte immerhin noch 51,6 mm, wovon aber fast 24 auf den 20. Mai zurückgehen. Vor allem in der ersten Monatshälfte blieb es nahezu vollständig trocken, nach 15 Tagen standen in Bevern gerade einmal 1,6 mm zu Buche. Unterm Strich wurde das Klimamittel der Jahre 1991-2020 um knapp 8 mm oder 13% verfehlt. Deutlich magerer war die Bilanz an den meisten anderen Stationen: In Lüchtringen fielen ganze 20,7 mm und in Holzminden 28,5. Der Wilmeröder Berg in Polle meldete immerhin 47,7 mm, Ottenstein 39,1 und Hehlen 35,5 mm – auch das alles klar unterdurchschnittliche Mengen. Selbst Vorwohle landete trotz der Tagessumme von 34,3 mm am 20.05 – der siebthöchsten Menge im fast 2.000 Stationen umfassenden Niederschlagsmessnetz des DWD – mit einem Monatswert von 65,1 mm noch unterhalb seines Klimawertes. Ungewöhnlich trocken war es im Solling mit 37,1 mm in Hellental, 34,2 mm in Silberborn und 30,7 mm in Amelith, was nur rund der Hälfte der dort in einem durchschnittlichen Mai fallenden Regenmenge entspricht.

Die Sonne zeigte sich mit etwas über 230 Stunden gut 30 Stunden länger als in einem durchschnittlichen Mai. Dabei gab es einerseits keine zusammenhängende Phase mit einer Reihe von sonnenscheinreichen Tagen in Folge, andererseits aber auch fast keinen Tag, an dem die Sonne kaum einmal zu sehen war. Viele Tage landeten bei sieben bis gut zehn Stunden, an denen sich die Sonne den Himmel mit Quellwolken teilte, die im Laufe des Tages auch mal dichter ausfielen.

Die Sonne schien gut 230 Stunden im Mai ©A. Mokross

Beim Wind lassen sich kleinräumige Extreme wie in Merxhausen kaum messbar erfassen, dazu müsste sich ein solches Ereignis schon zufällig in unmittelbarer Umgebung einer Messstation abspielen. Dort wo vom DWD stetig gemessen wird, wurden die höchsten Werte meist am 20. Mai erreicht und lagen in den Spitzenböen bei Stärke 7, vereinzelt 8. Nur in Hameln wurde – allerdings bereits am 19. – mit knapp 85 km/h eine Böe Stärke 9 gemeldet.

Spot an! ©A. Mokross

Frühjahr 2022: Sehr trocken und sonnig, normal temperiert

Mit dem Mai endete auch das meteorologische Frühjahr. Es war in diesem Jahr durchschnittlich temperiert, während beim Niederschlag ein deutliches Defizit und beim Sonnenschein ein klares Plus in der Bilanz steht.  In Bevern lag die Mitteltemperatur der Monate März bis Mai mit 9,55 °C um ein Zehntel über dem Schnitt der Jahre 1991-2020 und damit etwa auf dem Niveau der Jahre 2019 und 2020, nachdem es im Vorjahr mit nur 7,85 °C ungewöhnlich kühl geblieben war. Silberborn meldete mit 8,05 °C ein deutlicheres Plus (0,65 K) zum dortigen Mittel – ein Resultat der vielen Hochdrucklagen.

In Bevern fielen mit 123,4 mm Niederschlag genau 2/3 des langjährigen Mittels, wobei dieser Standort sogar noch vergleichsweise gut davon kam in Sachen Regen. In Silberborn war es mit nur 111,9 mm (nicht ganz die Hälfte vom Klimawert 1991-2020) das trockenste Frühjahr seit 2011 und das zweittrockenste seit Bestehen der Messungen ab 1976 (bis 1983 in Neuhaus). Auch die anderen Stationen verfehlten ihre Klimawerte deutlich, nominal am trockensten war es in Lüchtringen mit ganzen 88,7 mm.

Die Sonne schien mit rund 647 Stunden um fast 180 Stunden oder knapp 39% länger als im Mittel der Periode 1991-2020, gegenüber dem Klimawert von 1961-1990 lag die Zahl der Überstunden sogar bei gut 215. Sonnigster Monat war, nicht nur relativ, sondern auch absolut – der März. Ob er es auch gegenüber den Sommermonaten bleibt?

Morgenrot am 10.05. ©A. Mokross

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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