Rekordhitze und große Trockenheit

Der Juli 2022 brachte fast 39 Grad und viel zu wenig Regen

„36 Grad und es wird noch heißer“ – dieser Song mag so manchem Bewohner der Region beim Blick auf das Thermometer am Ende der zweiten Julidekade in den Sinn gekommen sein. Und es wurde in der Tat noch ein ganzes Stück heißer mit neuen Allzeitrekorden für den Landkreis: Auf 37,9 und schließlich 38,7 °C steigerte sich die Hitze am 19. und 20.07. an der DWD-Station in Bevern. Auch in Silberborn wurde mit dem erstmaligen Überschreiten der 36-Grad-Marke ein neuer Rekord aufgestellt. Sieht man allerdings von diesem kurzen, sehr intensiven Heißluftvorstoß bis weit in den Norden mit dem Knacken der 40-Grad-Marke selbst in Hamburg an der Station Neuwiedenthal einmal ab, verlief der Juli 2022 in der Region bei Temperatur und Sonnenschein recht unauffällig und nur leicht über den Durchschnittswerten der letzten 30 Jahre. Sorgen bereiteten dagegen die erneut viel zu geringen Niederschläge: seit März sind mit Ausnahme des Aprils alle Monate mehr oder weniger deutlich zu trocken ausgefallen. Und zumindest in der ersten Augusthälfte sieht es derzeit leider auch nicht nach einer durchgreifenden Änderung hin zu mehr Regenfällen aus.

Mit einer Monatstemperatur von 19,06 °C war der Juli 2022 an der DWD-Klimastation in Bevern um knapp 0,5 K wärmer als im Mittel der Jahre 1991-2020. Gegenüber der älteren Klimanorm von 1961-1990 betrug das Plus deutliche 1,9 K. Neben den beiden Rekordtagen wurde noch an vier weiteren Tagen die 30-Grad-Marke überschritten, das Kriterium einer Hitzewelle erfüllte aber nur der Zeitraum vom 18.-20. Juli. Ansonsten war es mal hochsommerlich und mal mäßig warm, wirklich kühle Tage blieben wie schon im Juni Fehlanzeige: Nur an vier Tagen wurde die 20-Grad-Marke verfehlt und das auch nur recht knapp mit Höchstwerten zwischen 18,8 und 19,7 °C. Deutlich frischer kam so manche Nacht daher, immerhin fünfmal gingen die Werte in den einstelligen Bereich zurück. Einer der Gründe dafür war die häufig trockene Luft in der bodennahen Schicht, die auch dazu führte, dass die Rekordhitze als nicht so belastend wahrgenommen wurde wie die sehr feuchte und damit schwüle Hitzewelle im August 2020. Am Nachmittag des 19. fiel die relative Feuchte sogar auf rekordverdächtig niedrige 13,9% in Bevern, am 20. lag der tiefste Wert bei 15,7%.

An der Wetterstation in Silberborn war es an jenen Nachmittagen ähnlich trocken und mit 36,7 °C wurde auch im Hochsolling ein neuer Allzeitrekord gemessen. Die Monatstemperatur lag im Kurgarten mit 17,0 °C um 0,54 K über dem Mittel der Jahre 1991-2020 bzw. 2,05 K über dem Klimawert von 1961-1990. Insgesamt vier heiße Tage sind an diesem Standort auf über 400 m deutlich überdurchschnittlich, es gab aber auch eine Reihe von Tagen, an denen die 20-Grad-Marke nicht erreicht wurde, und dreimal lag der Höchstwert sogar nur um 15 Grad. Die nächtlichen bzw. morgendlichen Tiefstwerte lagen 13 Mal unter zehn Grad, der niedrigste Wert wurde am 17. mit nur 5,3 °C gemessen. Dafür gab es während der kurzen Hitzewelle eine Tropennacht mit einem Minimum von 22,1 °C, bereits die zweite in diesem Sommer in Silberborn.

Bullenhitze nach Monatsmitte bis fast 39 Grad – wohl dem, der da eine Abkühlung fand.
©Annette Mokross

Wie konnte es derart heiß bis in den hohen Norden Deutschlands werden? Der Blick auf die Großwetterlagen und die Temperaturverteilung über Europa zeigt über weite Strecken ein zonales Zirkulationsmuster mit einem sehr heißen Mittelmeerraum und einem recht kühlen Nordeuropa. Diese Gegensätze bilden sich auch in der Monatsbilanz in Deutschland ab: Während das langjährige Temperaturmittel im Norden teilweise verfehlt wurde, war es gen Südwesten und Süden teils über 2 Grad wärmer als im dortigen Durchschnitt – jeweils bezogen auf die aktuelle Klimaperiode ab 1991.

Nach Monatsmitte wurde diese recht persistente Neigung zu Westlagen (in der ersten Dekade überwiegend Nordwest) kurz unterbrochen, da auf der Vorderseite eines Tiefs vor der Iberischen Halbinsel sehr warme Luftmassen weit nach Norden transportiert wurden, die sich unter weitgehend ungehinderter Einstrahlung bodennah stark erhitzen konnten. In der Folge wurde selbst in England erstmals die 40-Grad-Marke geknackt. Mit einer Verlagerung der heißesten Luft nach Osten wurden auch im Norden Deutschlands zuvor nie erreichte Temperaturen möglich. Neue Landesrekorde in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt waren die Folge. Doch während der Südwesten auch in der Folge häufig unter 30 Grad und mehr schwitzte, blieb die dritte Dekade bei uns meist moderat temperiert, inklusive zweier heißer Tage mit 31-33 Grad in Bevern am 24.+25.07., die allerdings zum normalen Hochsommergeschehen vor Ort dazu gehören.

Alles andere als normal ist die Niederschlagbilanz seit dem Frühjahr – und nach dem bereits deutlich zu trockenen Juni verschärfte sich die Situation im Juli noch weiter. Zwar war die Anzahl der Niederschlagstage mit meist 16 noch nicht einmal ungewöhnlich niedrig, aber der Blick auf die gefallenen Mengen offenbart das Dilemma: In Bevern beispielsweise gab es nur an einem Tag mehr als vier Millimeter Regen, die höchste Tagessumme lag bei 10,1 mm. In Silberborn gelang zwar immerhin zweimal der Sprung über die 10-mm-Marke und zwei weitere Male fielen zumindest mehr als 7 mm. Doch auch dort kann von Entspannung keine Rede sein, denn erstens kam im feuchteren Sollingklima mit einer Monatssumme von 54,6 mm auch nur etwas mehr als die Hälfte des langjährigen Durchschnitts zusammen, und zweitens war das Defizit der Vormonate im Solling noch größer ausgefallen als an den anderen Messstellen im Umkreis.

Die Trockenheit führte vor allem im Osten zu mehreren Waldbränden. Was hier wie Feuer aussieht, ist aber zum Glück nur ein farbintensiver Sonnenaufgang. ©A. Mokross

Deren Juliwerte lauteten (in Klammern die Klimawerte 1991-2020): Bevern 34,8 mm (80,4), Lüchtringen 43,5 mm (78,2), Polle 38,8 mm (75,4 – dieser vom DWD angegebene Wert scheint angesichts der Höhenlage von 270 m zu niedrig), Hehlen 47,2 mm (80,0), Vorwohle 43,2 mm (88,4), Hellental 46,1 mm (78,0 – auch diese DWD-Angabe ist unplausibel niedrig) und Amelith 52,0 mm (91,5). Aus Ottenstein fehlen erneut einige Tageswerte, andere wurden vom DWD nachträglich mit Schätzwerten gefüllt, so dass leider keine belastbare Monatssumme vorliegt. Klar zu trocken war es aber auch im Nordwesten des Kreises auf jeden Fall.

Auch im Hochmoor Mecklenbruch ein Thema: Der Wasserhaushalt.
Aktuell ist es auch dort deutlich zu trocken.

Blickt man allerdings auf das gesamte Land, ergibt sich vor allem Richtung Rheinland-Pfalz und Saarland eine extreme Dürrephase, so fiel im Raum Trier teils nur um 1 mm Regen, und auch am Oberrhein waren es oft nur wenige Millimeter – und das bei dort deutlich höheren Temperatur- und Sonnenscheinwerten.

Nach dem sehr sonnigen Juni mit fast 290 Stunden zeigten sich am Julihimmel in unserer Region häufiger dichte Wolkenfelder, besonders ausgeprägt in der zweiten und dritten Pentade sowie gen Monatsende. In diesen Phasen schien die Sonne oft nur zwischen wenigen Minuten und vier Stunden. Als sonnenscheinreich bleiben das erste Wochenende sowie die heiße Phase nach Monatsmitte in Erinnerung. Unter dem Strich ergab sich eine Monatssumme von rund 216 Stunden – gut elf mehr als im Schnitt der Jahre 1991-2020. Zuvor war der Juli in fünf der letzten sechs Jahre unter seinem Mittel geblieben. Auch hier soll der Blick über den lokalen Tellerrand das Bild abrunden: Am längsten schien die Sonne an der Station Lahr im Ortenaukreis westlich des Schwarzwalds in der Oberrheinebene mit 369 Stunden, am wenigsten wurde im Nordseeumfeld mit teils nur 186 Stunden gemessen.

Zwei Himmelsbilder aus dem Juli 2022: Wolkenverhangen am 09.07. …
… und ein diffuses Licht inkl. Halo-Erscheinung (Nebensonne)
am Morgen des 28.07. ©A. Mokross

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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