Ein weiterer Sommer der Superlative

Der dritte Hitzesommer innerhalb von fünf Jahren brach zahlreiche Rekorde

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer, ein Sommer wie er früher einmal war?“ – Rudi Carrells ironischer Spott über den deutschen Sommer aus dem Jahr 1975 wird inzwischen unter ganz anderen Vorzeichen wahrgenommen. Und wurde der Rekordsommer 2003 noch als früher Vorbote einer irgendwann in der Zukunft liegenden Häufung von heißen Sommern in Mitteleuropa wahrgenommen und bewertet, lässt sich knapp 20 Jahre später festhalten: Sonnige, trockene und heiße Sommer sind längst keine Ausnahmeerscheinung mehr in Deutschland, auch nicht in unserer Region in der nördlichen Mitte des Landes.

Der Sommer 2022 unterstrich diesen Trend eindrucksvoll mit einer Reihe von neuen Rekorden bei Höchsttemperatur, Sonnenscheindauer und Niederschlagsarmut. So war es Hochsolling der trockenste Sommer seit Beobachtungsbeginn, und das nur vier Jahre nach dem Dürresommer 2018. Im Rest des Kreises fiel zwar mehr Regen als vor vier Jahren, die langjährigen Klimawerte wurden aber durchweg klar verfehlt. Dazu schien die Sonne so lange vom Himmel wie noch nie seit Beginn der flächendeckenden Messungen 1951.

Nicht „always the sun“, aber so häufig wie seit mindestens 1947 nicht
zeigte sich die Sonne von Juni bis August in der Region

Mit einer Temperatur von 19,35 °C war der Sommer 2022 an der DWD-Klimastation in Bevern um rund 1,6 K wärmer als im aktuellen Mittel der Jahre 1991-2020 und lag sogar fast 2,9 K über der Referenz von 1961-1990.  Nur 2003 und 2018 war es mit 19,8 bzw. 19,7 °C noch wärmer, der bisher drittwärmste Sommer aus dem Jahr 2019 wurde hingegen knapp überflügelt. 2003 war auch das Jahr, in dem die 19-Grad-Marke bei der Sommertemperatur erstmals überschritten wurde – nun war es bereits das dritte Mal seit 2018 und selbst die Durchschnittstemperatur der letzten fünf Sommer ist auf über 19 Grad angestiegen.
Auf den viertwärmsten Juni folgte ein zwar streckenweise moderat temperierter Juli, der aber während einer kurzen markanten Hitzewelle am 20.07. mit 38,7 °C für einen neuen Allzeitrekord der Zeitreihe Bevern/Holzminden sorgte. Der zweitwärmste August steuerte gleich elf heiße Tage mit einem Höchstwert von mindestens 30 °C bei, so dass die Zahl der Hitzetage am Ende bei stattlichen 20 lag – nur 2003 und 2018 gab es noch mehr. Mit 18,5 °C lag der niedrigste Höchstwert so hoch wie in keinem Sommer zuvor und bei der Anzahl der warmen Tage mit einem Maximum von mindestens 20 Grad wurde mit 85 ein weiterer neuer Rekord in Bevern aufgestellt.

Entwicklung der Sommertemperatur der DWD-Zeitreihe 2323 ab 1934

Auch im Hochsolling war es ein denkwürdiger Sommer: Mit einer Mitteltemperatur von 17,5 °C wurde die Bestmarke von 2003 aus DWD-Zeiten an der aktuellen DTN-Unwetterreferenzstation in Silberborn sogar nur um wenige Hundertstel verfehlt, dazu gab es auch hier am 20.07. einen Allzeitrekord mit 36,4 °C Höchsttemperatur. Damit nicht genug: Da die wenigen kräftigen Schauer meist einen Bogen um Silberborn machten, fiel mit nur 109,2 mm noch weniger Regen als 2018 (111,6 mm) und es wurde ein neuer trauriger Trockenheitsrekord aufgestellt. Dieser entspricht nicht einmal 40% des Klimamittels von 1991-2020 und einem absoluten Defizit von über 165 mm. Nach der Verschnaufpause vor einem Jahr leiden die Wälder im Solling somit erneut unter einem markanten Niederschlagsdefizit, das bereits im März begann. Zusammen mit Erwärmung und Zunahme der Sonnenscheindauer hat die Klimaveränderung ein Tempo aufgenommen, das eine Anpassung der Natur kaum mehr möglich macht – jedenfalls seitens der Natur, wie wir sie kennen. Der Wald der Zukunft, er ist eine Herkulesaufgabe für Forstwissenschaft und -wirtschaft, und diese Aufgabe scheint derzeit eher noch größer zu werden.

Doch auch abseits des Hochsollings blieb der Sommer 2022 deutlich zu trocken und klar unter seinen Klimawerten. In Bevern kam zwar dank einiger Gewittertreffer mit 137,5 mm mehr als das Doppelte des rekordtrockenen Sommers 2018 zusammen, der aktuelle 30-Jahres-Durchschnitt wurde aber um über 80 mm bzw. rund 37% verfehlt. Besonders trocken blieb es sowohl im Südwesten des Sollings in Amelith mit 99,1 mm, während weiter nordöstlich in Hellental zwar 136,4 mm gemessen wurden, diese Orte aufgrund ihrer Höhenlage aber ein auch ein feuchteres Klima und einen größeren Klimawert aufweisen. Das gilt auch für Ottenstein und Vorwohle, wobei Ottenstein dank des Volltreffers vom 26.08. immerhin auf 146,8 mm kam, Vorwohle blieb hingegen mit 88,4 mm trockenste Station im Kreis. In Hehlen war es mit 105,3 mm ebenfalls deutlich zu trocken, Polle schaffte auf dem höher gelegenen Wilmeröder Berg auch nur 113,9 mm.

Symbolbild eines viel zu trockenen Sommers ©A. Mokross

Wo wenige Wolken mit sehr wenig Regen unterwegs sind, da hat die Sonne oft freie Bahn – und so überrascht es nicht, dass nicht nur der August, sondern auch der gesamte Sommer einen neuen Rekord bei der Sonnenscheindauer aufstellte. Mit rund 785 Stunden wurde die alte Bestmarke aus dem Jahr 1959 (753 h) deutlich übertroffen. Es gilt aber auch hier zu beachten, dass Sonnenschein erst seit 1951 flächendeckend erfasst wird. Der Sommer 1947 könnte anhand der vorhandenen Daten aus Göttingen tatsächlich noch ein paar Stunden mehr auf die Waage gebracht haben. Aber wie auch immer: Solche Mengen sind womöglich auch Sonnenscheinliebhabern zu viel und vielleicht mag der eine oder andere sich für 2023 in Anlehnung an Rudi Carrell einen Sommer ohne Sonnenschein von Juni bis September wünschen – und dafür so nass und so sibirisch wie vor 50 Jahren…

Heiße Tage im meteorologischen Sommer seit 1951 – 2022 landete gemeinsam mit 1994 auf dem dritten Platz knapp hinter 2003. Der Rekord von 2018 blieb aber deutlich entfernt.

Autor: wesersollingwetter

Hobbymeteorologe und Autor des monatlichen Lokalwetterrückblicks im Täglichen Anzeiger Holzminden.

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